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Der Israelit · 1879-08-27 · Heft 35 (27.8.1879) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 35 (27.8.1879)
Date
1879-08-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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939 entsinne ich mich. — In jener Nacht, die ich auf einem Rheindampfboote verbracht, überstand ich einen heftigen Fieberanfall — zuerst schüttelte Mich der Frost, daß ich zähneklappernd mich in Plaid und Paletot hüllte, dann aber befiel mich eine glühende Hitze, ich stieß die Decke fort und warf den Ueberrock ab und ein mehrstündiger Schlaf umhüllte meine Sinne — als ich erwachte war mein Paletot, in dessen Brusttasche das von Ihnen erwähnte Portefeuille sich befand, verschwunden. Wer ihn sich angeeignet, habe ich nimmer erfahren — ich durfte auch nicht allzu dringend danach forschen, um die Aufmerksamkeit meiner Umgebung nicht auf mich zu ziehen, denn ich befand mich damals auf der Flucht." „Demnach war es auch Ihr Ueberrock, den man an jener Leiche gefunden — Ihre Familie konnte nicht zweifeln. Ihr Bruder, Ihre Freunde wähnten in jener Leiche die Ihre zu begraben und — Ihre Frau —" „Meine Frau? — stammelt Mr. Green. „Mußte sich als Wittwe betrachten", sprach James gepreßt. „Freilich — freilich — nun — aber —" „Vierzehn Jahre lang hat sie als Wütwe den Gatten beweint." „Zwanzig —" corrigirte Green. James schüttelte den Kopf. „Vierzehn Jahre hat Mrs. Grünfeld den Gatten betrauert — dann aber", er stockte, er brachte es nicht so rasch über die Lippen. Mr. Green war aufgesprungen, mit weit aufgerissenen Augen starrte er angstvoll auf den Andern. „Reden Sie!" flüsterte er, „um Gotteswillen , spannen Sie mich nicht länger auf die Folter." „Mrs. Grünfeld hat die Bewerbungen eines Andern angenommen — hat sich einem Andern vermählt —" Ein wilder una-ticulirter Schmerzensschrei, und auf's Neue brach der Unglückliche zusammen — dieses Mal aber in den heftigsten Zuckungen. Lange währte es, bevor er die Augen aufschlug und als er endlich das Bewußtsein wieder erlangte, da glaubte James die frühere Bewußtlosigkeit zurückwünschen zu sollen, denn die Verzweiflung des Unglücklichen überstieg alle Grenzen. — Zu furchtbar war der Wechsel, zu jäh, zu unvermittelt — nach der höchsten Freude diese namenlose Qual. — Sein Weib, die Mutter seines Kindes lebte — und war ihm dennoch *auf ewig verloren. — Einem Andern war sie angetraut — lebte vielleicht glücklich mit diesem Andern — und er war nun verpflichtet, zum zweiten Mal sie zur Wütwe zu machen — mit rauher Hand das Band, das sie an jenen knüpfte, zu zerreißen — und gleichzeitig jenes, das sie noch mit ihm verband — o, es war entsetzlich — Tief erschüttert lauschte Goldsmith den Klagen und Mittheilungen des Unglücklichen. — Jakob Grünfeld berichtete, wie er einst um einer leichtsinnigen Handlung willen aus der Heimath entflohen, nachdem cr mit seiner Frau verabredet hatte, seine Adresse einem Geschäftsfreunde in der nächsten Hafenstadt zu übergeben. Dort sollte Bertha nach dem Aufenthaltsorte des Entflohenen sich erkundigen. um nach ihrer Niederkunft mit ihrem Kinde ihm zu folgen. Sehnsuchtsvoll hatte Grünfeld auf Nachricht von den Seinen gehofft, wiederholt hatte er den Freund gefragt, ob seine Frau sich denn nicht nach ihm erkundigt — und immer dieselbe trostlose verneinende Antwort. — Endlich hatte er ihn aufgefordert, über das Befinden seiner Frau Erkundigungen einzuziehen und darauf war ihm die Nachricht geworden, daß seine Frau den Folgen ihrer Entbindung erlegen — daß sein Kind ihr bald gefolgt. — O, wie hatte er damals so furchtbar gelitten! — Und umsonst — jene Nachricht mar falsch gewesen, es war die Frau eines entfernten Verwandten und Namensvetters von ihm, die damals sammt ihrem Kinde im Wochenbette verschieden — sein Kind lebte — er hatte sein Kind gesehen — und seine Frau lebte — aber — als Gattin eines Andern! — O, es war entsetzlich! — Und sein Kind, seine Tochter war ihm so nahe — mit Lausend Banden zog es ihn zu ihr hin — und durfte er es wagen, sie zu umarmen? — „Lassen Sie cs vorläufig noch", bat Mr. Goldsmith, „warten Sie, bis Sie Nachricht von Ihrem Bruder erhalten — mit Bestimmtheit können Sie nicht wissen, ob Ihre Frau noch lebt. — Ihrer Tochter gegenüber, möchte ich diesen Zweifel allerdings nicht laut werden lassen, aber Ihnen darf ich ihn nicht verhehlen. — Es sind acht Jahre seit Miß Lenz ihre Mutter verlassen und zwei Jahre, seit sie keine Nachricht über sie erhalten. — Was kann seit jener Zeit nicht Alles geschehen sein! — Darum möchte ich Siedringend ersuchen, ersparen Sie Ihrer Tochter vorläufig jede Aufregung. Sie können in meinem Hause zu jeder Zeit mit ihr verkehren. Ich habe ihr mitgetheilt, daß Sie ein vertrauter Freund ihres Vaters waren und sich ous'S Lebhafteste für dessen Tochter interessiren." Mr. Green stützte das bleiche Haupt auf die Hand. „Vielleicht haben Sie recht", sagte er, „vielleicht ist es besser', meine Tochter hält mich vorläufig nur für einen Freund ihrer Familie. — Aber Sie ahnen schwerlich, welche Enthaltsamkeit

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