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Der Israelit · 1879-08-27 · Heft 35 (27.8.1879) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 35 (27.8.1879)
Date
1879-08-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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931 der sich der Sache annehmen will, wenn er die Ueberzeugung hätte, daß diese getrennten Juden, die sich also öffentlich vom Talmud losgesagt haben, begründete Hoffnung auf bürgerliche Gleichstellung hätten. Die getrennten Juden also, nicht alle Juden, die Talmudgläubigen mögen immerhin in ihren Ghettis bleiben, während die, welche dem Talmud den Abschied gegeben unter der heiteren Sonne menschenwürdigen Daseins frei umherwandeln. Und nun der Sache den rechten Nachdruck zu geben, soll dann in den Blättern geschildert werden, welche Nachlheite die gewaltsame Verbindung dieser zwei so ganz getrennten Theile auf das religiöse, sittliche und bürgerliche Leben der Nichtgläubigen Juden hervorbringt. Auf das religiöse Leben — das verstehen wir, die nichtgläubigen Juden finden sich in ihrem religiösen Bedürfniß nicht befriedigt, wenn sie den Cultus der Altgläubigen mitmachen — gut! Wir erkennen dieses Argument an. die Gewissensfreiheit soll nach keiner Seite hin verkümmert werden. DaS sitt. liche Leben wäre benachtheiligt — dies macht uns stutzen, klingt das nicht an eine Anschwärzung an, an eine öffentliche Anklage von der schädlichen Einwirkung des talmudischen Geistes? Frühere Aeußerungen G's. berechtigten uns schon zu dieser Annahme — doch wir wollen nicht Behauptungen aufstellen, die nicht ganz klar aus G's. eigenen Worte» hervorgihen, da der Schreiber, wenn wir uns irren sollten, sie nicht mehr ins Richtige stellen kann, und nehmen wir deshalb an, er habe gemeint, daß eine gewaltsame Verbindung zu einem Bekcnntniß, das man nicht im Herzen trage, Heuchelei erzeuge. Aber auch in bürgerlicher Beziehung werden die Nichtgläubigen benachtheiligt; dieses läßt sich wahrlich nicht in bonan» xartern deuten. Das heißt: ihr emancipirt uns nicht, weil ihr stn Talmud ein Hinderniß der Gleichstellung, erblickt, nun gut, wir sagen uns vom Talmud los, setzt gebet uns die Gleichstellung, die anderen überlaßt nur ihrem Schicksal. Wer noch im Zweifel über die Richtigkeit dieser Auffassung ist, den verweisen wir auf einen Brief an Frensdorfs vom 24. Sept. 32. In diesem berichtet er über Rieffers Zeitschrift, die vorwiegend die Erkämpfung der Gleichstellung der Juden sich zur Aufgabe gemacht hatte. R. war in den Kampf für die Rechte der Juden eingetreten, ohne ein Titelchen des jüdischen Lebens um der Emancipation willen preisgeben zu wollen; selbst E^eformer, wollte er doch nicht, daß das Bekennt- B.iß der Einzelnen bei der Emancipation in Best rächt komme und darum vertheidigte er „in politischer Beziehung" das ganze „Ceremonialgesetz" der Juden. Daß er sich dazu ,verleiten" ließ hat G. ihm seinerzeit sehr übel genommen und freut sich, da er zu bemerken glaubt, daß R. in Folge seines Aufenthalts in Frankfurt von dieser „neutralen Stellung" abgebracht worden ist. Diese Trennungsidee ist aber nicht etwa die Geburt einer schwärmerischen und stürmenden Jünglingsphantasie, auf sie wird im praktischen Amtsleben oft znrückgekommen, und stellen wir hier die verschiedenen diesbezüglichen Stellen aus den Briefen zusammen, wir werden eine merkwürdige Wandlung wahrnehmen. Als Rabbiner in Wiesbaden schreibt G. unterm 21.11. 37 an Frcnsdorff: „Dieses Schismagespenst aber gar, das ist nun gänzlich ein Unding im Judeuthnm; als wenn das Schisma im Leben nicht auf die entsetzlichste Weise bestände! Hielte ich es übrigens nicht fast ganz unmöglich, daß ein solches zu vollem Ausbruche käme, so würde ich noch fragen, ob es denn ein so großes Unglück sein möchte." Das Schisma existirt also im Leben, cs ist nur noch nicht ausgesprochen, und träte eS ein, es wäre kein Unglück; es ist dies eine kleine Abschwächung gegen den Gedanken des sich offenen Lossagens vom Talmud, und später muß wohl die Ueberzeugung sich G. aufgedrängt haben, daß es doch nicht so schnell mit Religionsgründungen gehen kann, denn in einem Brief an M. A. Stern vom 15. 11. 39. betont er die historische Basis, die festgehalten werden müsse, wenn auch wider den Willen des Reformators. An denselben Stern schreibt er unterm 25. 8. 43: „Du predigst das Schisma, wie Du selbst sagst, ich aber wiederhole: ein Schisma darf nicht gemacht werden, man muß zu ihm getrieben werden, es muß sich von selbst machen; ich predige Reform der Gesawmtheit, mag freilich meinetwegen ein Schisma daraus entstehen, darauf bin ich gefaßt." Bor einem Schisma schrickt man nicht zurück, aber der Muth, cs hervorgebracht zu haben, fehlt. Freilich waren inzwischen trübe Erfahrungen gewacht worden; da war die Wiesbadener Rabbinerversammlung resultatlos verlaufen (s. Brief vom 22. 8. 37.), der Hamburger Tempelstreit hatte gezeigt, daß die Orthodoxie nicht am Sterben liege, der Breslauer Rabbinatsstreit war zu Ungunsten G's. ausgefallen, und so hat die Erfahrung gelehrt, daß man das alte Judenthum nicht im Handumdrehen von der Tagesordnung absetzen kann. So wird nun ein neuer Plan vorbereitet. In einem Briefe an Honigmann vom 19. 3. 45. setzt G. große Hoffnungen auf die demnächst in Frankfurt zusammentretende Rabbinerversamm'urg, werde sie auch nicht allen Anforderungen der Gegenwart genügen können, so werde sie doch Thatcn Hervorbringen. Die Versammlung müsse aber dadurch den Impuls

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