Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1879)
- Date
- 1879-08-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447830--16537-2472526- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
871 scbov geistliche Stellen bcfleibeten , rheils sich zur Ueberncrhme solcher vorbereiteten, ineinen Blick warf, ihre Gesrnnungen und ihr Streben prüfend, ob nach Verbreitung deS tzichtS oder nach Stützung des Erkeln sie fick sehnten, und da fand ick leider, das? fast Alle, bald ans verkehrten Ansichten, bald ans Mangel an grnndlicker Wissensckait, bald sogar ans engherzigen, kleurlichen Absichten alle Gewalt, die ihnen verliehen wurde, dazu anwendeten, das Herkömmliche ohne Unterschied zu erhalten. So ivnnderte ich mich vorzüglick, als ick im Sommer 1829 die Universität Heidelberg besuchte, dort sndiscke Theologen zu stnden, die so in Finsternis wandelten und kaum eine Spur von der belebenden blähe Ew. Hochwürden zeigteii. Weniger Heuchelei als wirkliche Berkehrcheit nno Unwissenheit leuchtete mir als der Grund entgegen, und das Studium der Rheologie selbst wurde mir durch den Gedanken, einst mit so vielen Hindernissen , die mir von solchen Geistlichen in den Weg gelegt werden würden, kämpseir zu inüssen, verbitten, und ich ivandte niich den orientalischen Spracken zu immer mit Kummer aus jenes herrliche, nun mit Tisteln überzogene Feld heilsamer Wirksarnkeit hinblickend. Jedoch hatten mich am Ende dieses Sommers sowohl andere Umstände als auch die praktische Aickinng meines Geistes genöthigt, wiederum auf der Universität Bonn einer Ausbildung sür den Berns des Theologen nachzustreben, und wie erfreut war ich, als ich hier aus Mitstudirende traf, die ein reger, wissensckasilicher Eifer und ein rühmliches Streben nach der Wahrheit erfüllte. Da ward ick wieder mit neuem Muthe begabt, und nicht abschrecken konnte mich mehr die Seichtheit vieler jüdischer Theologen im Badenschen r!ande, aber wohl schmerzen. — So neuerdings wiederum angeregt, konnte ick dm Wunsch nickt unterdrücken, die Sache, de so sckän in Formen sich darstellt, in ihrer wahren Gestalt auszudecken, und aus ihre Blößen hinzuivetsen. Da ermilthigie mich auch der Gedanke an Sie, leuchtendes Borbild und würdiger Berrheidiger der Wahrheit und des Nichts, daß Ihnen bei dem Streben, überall das Gute zu befördern und das Wahre zu vertreten, selbü eine solche Aufdeckung lieb sein, und es Ihnen vielleicht gefallen möchte, diesen Aussag in Ihrem „Sophronizou" einzurncken. Großer Mann, dem zu nahen es mir einst vergönnt war, ich bitte Sie um der Sache der 'unterdrückten und sehr irregeleiteten Menschheit willen, würdigen Sie demselben einer Stelle in Ihrem trefflichen Werke, und wenn Sie einiges Anstößige darin finden, so möchte sich vielleicht Ihre Güte auch dahin erstrecken, dasselbe wegzuränmen und zu verbessern, bedenkend, daß ich jung ans die Kampfbahn getreten bin und einzig und allein mich der innige Lrieb zur Befördederung der Wahrheit dorthin gerufen Ueberzeugt von der Gewährung dieser Bitte, wage ich noch diese, daß Sie mir das Blatt, worin diese Beleuchtung eine Stelle findet, gütigst zusenden möchten. Gestützt aus Ihre Güte und durchdrungen von Gefühlen der Ehrfurcht und unbegrenzten Hochachtung, unterzeichne ich mich Ew. Ehrwürden ergebenster Abraham Geiger. X. 8. Ich erlaube mir noch die Bitte, weder dieses Brieses noch meines Namens erwähnen zu wollen, da dieser Altssatz vielen Mißdentnngeit ansgesetzk, mir manche Unannehmlichkeiten zuziehen möchte." Durch welchen besonder» „Vorgang" der junge G. „angeregt" wurde, Paulus zur Hilfe gegen das „elende Treiben der jüdischen Theologen in Heidelberg und in Mürzburg" anzurufen, wissen wir nicht, was aber überhaupt die Animosität G's gegen diese Theologen hervorgerusen, geht aus dem Begleitschreiben an Paulus deutlich hervor. „Sie wandeln in Finsterniß", sie zeigen kaum eine „Spur von der belebenden Mühe Ew. Hochwürden", ihr Thun ist keine „Heuchelei", sondern „wirkliche Verkehrtheit und Unwissenheit" „leuchtet" dem Schreiber „als Grund entgegen", und so kann er denn den Wunsch nicht unterdrücken, „die Sache, die so schön in Formen sich darstellt, in ihrer wahren Gestalt aufzudecken und auf ihre Blößen hinzuweisen." G. hat den „jü ischen Theologen" keine Schlechtigkeit, keine Gemeinheit der Gesinnung vorzuwerfen. sondern nach seiner Ansicht Dummheit, Beschränktheit, die aber nichts anderes war als das feste Verharren in der Religion der Väter, als die Consequenz, die sich durch die Thätigkeit Paulus' nicht irre machen ließ. Und nun sollen die vermeintlichen Blößen aufgedeckt werden; vor wem? vor Paulus und dem christlichen Leserkreise des „Sophronizon." Sie sollen Richter sein über die Berechtigung der jüdischen Religion! In einer Zeit, wo die Wogen der Meinungen über die Emancipation hochgehen, werden jüdische junge Talmudgelehrte angeschwärzt bei — Paulus, einem der größten Feinde des Judenthums und der Juden, der mit Wort und Schrift die Emancipation der Juden aus allen Ärgsten zu bekämpfen versucht hat. Am 16. Janvar 183l schickte G. seine Abhandlung nebst Brief an Paulus, aber schon im Sophronizon des Jahres 1830 finden sich gehässige Artikel gegen die Emancipationsbestrebungen in England und eine Abhandlung: „Warum und wie sind die talmudischen Rabbiner durchaus abzustellen?' Hier werden unter dem Scheine, den Juden wohlthun zu wollen und sie vor Gefahren zu schützen, der Talmud und die Rabbinen als Bosheit der Bosheiten hingeftellt und wird eine vollständige Vernichtung des Talmuds gefordert. Maimonides wird mit dem Titel „philosophischer Schurke" beehrt, uud einem solchen Blatte wird von einem angehenden Rabbiner Nahrung sür seinen Haß g-gen den Talmud »gereicht; ist es da unberechtigt gleiche Gesinnung seitens dessen, der sich zum Mitkämpfenden anbietet, vorauszufetzen? Das Januarheft desselben Jahres, in welchem G. seine Arbeit einreichte, enthält Bemerkungen, daß die Juden nur dann emancipirt werden könnten, wenn sie Sabbat und Beschneidung aufgäben. 5 Monate später (7. 6. 31.) findet sich zwar im Tagebuch eine Notiz, nach welcher G. „kurze Zeit entschlossen war, selbst gegen Paulus aufzutreten." Dieser hatte nämlich im 3. Heft seines „Sophronizon" eine Abhandlung erscheinen lassen. „Der wahre Standpunkt, von weta-ern her die wichtige Frage: Warum kann die Judenschaft nicht aus Schutzbürgern in Staatsbürger verwandelt werden? zu beantworten ist"*), worin P. ein vollständiges sich Lossagen von allen den religiösen