Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1879)
- Date
- 1879-08-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447829--16512-2472500- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
847 (Vergleiche Joreh Deah C. 2, Baer Heteb, wo es in Bezug darauf heißt. D2 jnnnn drbitnw neu tsu) Feuilleton. Aabbi Ioselmann von Kosheim. Eine historische Erzählung. (Zweites Buch.) I. Wir haben in den letzten Kapiteln des ersten Buches von den Schandthaten und Gräueln erzählt, welche die aufständischen Bauern vollbracht hatten. Die Gräuelthaten der Bauern wurden von der Rache der Fürsten und Edelleute noch überbvten. Geistliche und weltliche Potentaten wetteiferten im Morden, Rauben, Blutvergießen. Todtstechen, Henken, Verbrennen war noch nicht das Schlimmste; es gab Strafen, die das Gefühl gesitteter Menschen noch mehr empören: so das Ausstechen der Augen, Herausschneiden der Zunge, Abschneiden von Rasen und Ohren, Abhacken der Beine rc. Der hochwürdige Fürst Bischof Conrad von Würzburg, der hochwürdige Coadjutor von Fulda und der alte Graf von Henneberg zogen wie Henker in Franken herum; bei Tage plünderte der Bischof; er nahm Alles, was sich mitnehmen ließ: Gold, Silbergeschirr, Wein, Bier, Früchte; Abends fanden die Hinrichtungen statt; ein Trinkgelage der fürstlichen Herren machte jedesmal den Beschluß; es waren nicht weniger als 269 Hinrichtungen , welchen die Herren in höchst eigener Person anwohnten. Nicht anders verfuhren, auf Antrieb der Reformatoren, die protestantischen Fürsten und Edelleute. Pfalzgraf Ludwig hatte mit den aufständischen Bauern unterhandelt und ihnen Versprechungen gemacht. Um sein Gewissen zu beruhigen, fragte er bei Melanchthon an, ob er durch jene Versprechungen gebunden sei. Melanchthon war bekanntlich, nach Luther, der erste Heros der Reformation; er ist ebenso berühmt )urch seine große Gelahrtheit wie durch seine Nilde, Güte, Sanftmuth. Man nannte ihn, wie 'inst seinen Oheim R-uchlin, „kraseoptor Germaliae“, Lehrer Deutschlands. Hören wir, was Nelanchthon antwortete: „Es wäre vonnöthen", chrieb er dem Pfalzgrafen, „daß ein solch wild rngezogen Volk, als die Teutschen sind, noch we- 'iger Freiheit hätte, als es hat; was die Obrigit rhut, daran thut sie recht; wenn die Obrigkeit her Gemeindegüter und Waldungen einzieht, so t sich Niemand dawider zu setzen; wenn sie den Zehnten der Kirchen nimmt und Andern gibt, so müssen sich die Teutschen ebensogut darein fügen, wie die Juden sich von den Römern die Tempelgüter nehmen lassen mußten. Eine Obrigkeit mag Strafe setzen nach der Länder Noth, denn Gott hat sie geordnet, das Uebel zu wahren und zu strafen. und es haben die Bauern nicht Recht, daß sie einer Herrschaft ein Gesetz machen wollen. Daß sie nicht mehr leibeigen seien und die bisherigen Zinsen nicht geben wollen, ist ein großer Frevel. Es ist ein solch ungezogen, muthwillig, blutgierig Volk, die Teutschen. daß man es billig viel härter halten sollte. Auch nennet Gott bas weltlich Regiment ein Schwert; ein Schwert aber, das soll schneiden." Mit solcher Logik bewaffnet, zogen die protestantischen wie die katholischen Fürsten gemeinsam gegen die besiegten Bauern aus, um überall zu köpfen, zu ersäufen, zu hängen, ohne Proceß und ohne Urtheil, was ihnen vorkam, schuldig oder unschuldig; und die Reichen, nach deren Gut sie gelüsteten, waren schlimmer daran als die Armen. Wie in Franken und Schwaben, so erging es im Elsaß. Herr Friedrich von Prechter, Kaiserlicher Rath und Mitglied der Regierung zu Hagenau. Besitzer der Herrschaft Hochfelden, zog im Lande umher und köpfte und henkte nach Herzenslust. „Da Hub sich eine blutige Metzig (Mezzelei) an, da ward jämmerlich gemartert und getödtet", erzählt eine alte Chronik. In Reichenweyer wohnte ein heruntergekommenes adeliges Geschlecht, die Dixinger. Der letzte Sproß desselben, Gerhard Dixinger, war beschuldigt, sich am Aufstand betheiligt zu haben. Herr Friedrich Prechter ließ ihn ergreifen. Vergehens betheuerte Gerhard seine Unschuld; nur gezwungen sei er mit den Bauern, die sein Leben bedroht hatten, gezogen; der Ritter befahl, ihn an einem Baume an der Landstraße aufzuhängen. „Herr", sprach der Verurtheilte, „die Dixinger sind ein ebenso adeliges Geschlecht wie die Prechter; laßt mich wenigstens eines adeligen Todes sterben." Da warf sich Heinrich Voltz, ein alter Diener des Ritters, diesem zu Füßen und sprach: „O, Herr, schonet sein! Er ist der letzte Sprosse eines ritterlichen Geschlechts , bei dem meine Väter in Diensten gestanden." Statt der Antwort schlug der Ritter dem alten Manne mit der Reitpeitsche über das Gesicht, daß die Haut der rechten Wange barst und das Blut in hellen Strömen herniederfloß. „Schnell", rief er seinen Knechten zu, „thut, wie ich geboten!" Dixinger wurde ergriffen und am nächsten Baume aufgehäugt. Hohnlachend zog der Ritter mit seinen Reisigen von dannen. Kurz darauf fuhr ein Reisewagen des Weges.