Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1879)
- Date
- 1879-08-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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£43 1824 und mit Unterbrechungen bis August 1832 fortgeführt, vorangeschickt, es umfaßt also die Knaben- und Universitätsjahre. Wir hätten auf Notizen und Aussprüche eines 14jährigen Knaben keinen Werth gelegt, hätten also die Partie aus den Aufzeichnungen des spätern Vers. der „Urschrift", die zu einer Zeit gemacht worden, da der Schreiber derselben die Kinderschuhe noch nicht ausgetreten, gar nicht berücksichtigt, wenn ni^t der Umstand in's Gewicht fiele, daß gerade der nächste Verwandte der Herausgeber dieser Biographie in Briefen ist,urd dieser dem Tagebuch eine so große Bedeutung beilegt, daß er es an die Spitze der Briefe stellt. Dieser, der dem Verstorbenen so nahe gestanden, muß doch wohl überzeugt sein, daß der gereifte Mann für den Inhalt dessen, was er als Knabe geschrieben, eingestandcn, und den Verstorbenen verstanden zu haben, dafür müssen wir dem Herausgeber die volle Competenz einräumen. Wie gesagt, mit 14 Jahren begann G. sein Tagebuch zu schreiben, dem er eine kurze Selbstbiographie seiner Kinderjahre voranschickte. Ueberhebung über alle die, welche seine Erziehung zu leiten berufen waren, Vorwürfe gegen die Leiter seiner Kindheit sind die Grundgedanken der Expcctorativnen des 14jährigen Knaben. „So war ich also," so lautet eine Stelle, die von fernem 4. Lebensjahre spricht, „beinahe den ganzen Tag beschäftigt; Morgens betete ich, und daß dies recht lange währt, weiß Jeder, der schon ein hebräisches Gebetbuch gesehen hat; dann bekam ich Unterricht, ich wiederholte, las eines unserer hebräisch-deutschen Bücher (denn auch diese Buchstaben hatte ich schon gelernt), an denen ich mein ganzes Gefallen fand, und so wurde ich ganz den Kinderspielen entwöhnt und, wer weiß, vielleicht der Grund zu einer Verkürzung meines Lebens gelegt." Dieser gegen seine Erzieher und Leiter vorwurfsvolle Schlußpassus hätte Sinn im Munde eines Zwanzigers oder Dreißigers, der, von einem unheilbaren Leiden heimgesucht, jeden Augenblick seiner Auflösung entgegensieht; im Munde eines Vierzehnjährigen, der im Besitze seiner Vollkraft und Gesundheit ist, ist es Renomisterei und Ueberhebung der eigenen noch kleinen Persönlichkeit, die nicht dazu beitragen kann, von der P'.etät des Verstorbenen gegen seine Eltern und seinen älteren Bruder, der an ihm Vaterstelle vertreten, uns ein günstiges Bild zu entwerfen. Der Jammer über seine, wie er meint, falsche und verkehrte Erziehung bricht in noch herberen Worten an einer andern Stelle des Tagebuchs aus. Da klagt der Vierzehnjährige: „Wehe, wehe! Wie seid ihr mir enrflohen, in nichtigem Tande, meine Kindcrjahre! Nicht wurden mir Lehren der Moral kingeprägt. nicht der Körper durch Leibesbewegungen gestärkt und nicht die Seele durch Belehrung und Bildung veredelt!" „Keine Lehren der Moral eingeprägt — nicht die Seele durch Belehrung und Bildung veredelt" — trauriges Bekenntniß für Einen, der in einer frommen und gelehrten Familie aufgewachsen ist, der an seinem gelehrten Vater und gelehrten ältesten Bruder ein Vorbild edler, sittlicher Frömmigkeit und Gottesfurcht gehabt. Unterricht in Bibel und Talmud lehren nicht Moral, veredeln nicht Herz und Gemü h? Wer in Bibel und Talmud nicht die Moral findet, die ihn für sein ganzes Leben zum sittlich reinsten Mensch macht und sein Herz veredelt, der findet sie nicht in allen Morallehren und Moralbüchern der Welt. Was machte denn unsere Vorfahren, die der Druck von der Bildung der Welt ausschloß, so groß, so edel, so sittenrein, was schützte sie vor Verrohung und geistiger Versumpfung, was machte sie^trotz der Knechtung nicht zu Knechten, als die Beschäftigung mit Bibel und Talmud? Der spätere Rabbiner konnte nicht herausfinden, daß der Unterricht im Talmud ethisch und moralisch fördere. Dem gegenüber möge hier Folgendes seinen Ple.tz finden: Ein Mann, der aus niedrigen Anfängen sich zu einem reichen Manne heraufgearbeitet hatte, der ein Wohlthäter seiner Vaterstadt, ein Vater vieler tausend Armen geworden, und dessen Andenken eine großartige Stiftung noch nach seinem Tode ehrt, sagte mir einmal: Woher, glauben Sie, daß ich in meinem langen Leben (er war damals bereits über achtzig Jahre alt) mir ein peinliches Rechtsgefühl bewahrt habe? Das habe ick meinen Kinderjahren zu verdanken, in denen ich »nsj gelernt habe. Die Gewissenhaftigkeit, mit welcher die Rechtsverhältnisse in nj/'sd abgewogen werden, haben einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich glücklich bin. mir auch die kleinste Verletzung eines Rechts nicht vorwerfen zu müssen. Und dieser Mann war nicht etwa ein Orthodoxer, der aus besonderer Vorliebe für den Talmud so sprach, er war ein Reformer, der aber ein liebendes Andenken seiner Kinderzeit, die lange vor der G.'s fiel, bewahrte. Der Haß gegen den Talmud und die Männer seiner Richtung wächst mit den Jahren. Im Febr. 1H29 schreibt der für das Rabbinat bestimmte junge Mann, daß der Talmud ihm „tagtäglich verabscheuungswürdiger wurde" und im Febr. 18;0 bekennt er, daß er durch den „Ueberdruß am Studium des Talmud" oft von der Bestimmung, „Theologe" zu werden, abgewandt wird Diese Bekennwisse beziehen sich noch auf seine Gymnasialzeit, die Universitätszeit hat aber an diesem Hasse nichts gemildert. Bon Heidelberg, woselbst er ein halbes Jahr bis zum Herbst 1829 zubrachte, will