Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1879)
- Date
- 1879-07-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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822 und Schrift die Achtung für die Lebenden, sowie die Pietät für die Verstorbenen uns nicht ganz abhanden kommen. Und wie auf religiösem, so soll der „Schlüssel" auch auf rein materiellem Gebiete jeder Collision mit der höheren Pflicht vorzubeugen bestimmt fein. Wem z. B. daran gelegen ist, bei seinen geschäftlichen Unternehmungen auch darauf Rücksicht zu nehmen, daß die etwa nach längerer Zeit, vielleicht nach Jahren zu erfolgende Erledigung oder Abwickelung derselben nicht durch daS Zusammenfallen mit einem Sabbat oder Feiertage behindert werde, wird diesen Rathgeber nicht entbehren können. Das Buch besitzt alle diese im Vorwort betonten Vorzüge, und ist außerdem die Ueberstchtlichkeit anerkennend hervorzuheben, die besonders in einem derartigen Buche von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. —n— 3eit«rrgK«achrrchtert und «Korrespondenzen. Deutschland. ttlttt/14. Juli. Trotz der prachtvollen Orgel- Synagoge und des reformirten Gottesdienstes, trotzdem die meisten hiesigen Israeliten sich nicht durch religiöse Bedenken abhalten lassen würden, mit ihren christlichen Mitbürgern aus einer Schüssel zu essen, wird diese Schüffel, wenigstens im Lokale des hiesigen Museums, einer UnterhaltungSgesellschaft, den Israeliten, die ausgenommen werden möchten, entzogen. Die AufnahmSballotage erfordert eine Zweidrittel-Majorität. Nacheinander melden sich Juden und erhalten — von 70 Abfiimmenden 55 schwarze Kugeln. Es ist dies ein trauriger Beweis, daß die vornehme Ulmer Gesellschaft von einem Geiste beklagenswerther Intoleranz beseelt ist; den Israeliten in Ulm aber wäre zu rathen, es sich zu Herzen zu nehmen, daß auf den betretenen Wegen die Achtung ihrer Mitbürger nicht zu gewinnen ist. Gesetzestreuen Israeliten bleiben derartige Kränkungen erspart. Oesterr. - Ungarische Monarchie. Wien. Vor einigen Wochen verkündeten schreiende Plakate, die an den Straßenecken Londons prangten, die frohe, alle frommen Christenherzen mit Triumph erfüllende Botschaft, daß ein vormaliger Rabbiner der so angesehenen wie zahlreichen jüdischen Gemeinde der österreichischen Residenz , also ein vormaliger Rabbiner Wien's (!), nachdem derselbe die Taufe empfangen hatte und zum Judenmissionär erwählt wurde, einen Bortrag im Missionshause halte» werde. Die beiden officiellen Londoner Blätter der Missions-Gesellschaft „Weekly Review“ und „Jewish Herald“ erzählen ganz erstaunliche Dinge von diesem Neophyten der Kirche, also dem Apostaten der Synagoge, besonders aber von der Auskunft, die er über sein eigenes Vorleben den neugierigen, und mit dem lebhaftesten Interesse ihm folgenden Hörern ertheilte. „Ich war", sagte er mit aller Unverfrorenheit, „in Wien Rabbiner und gab Alles auf für das Christenthum. Ich verzichtete auf Reichthum, Ruhm und Macht." Also auch Reichthümer und Macht besaß dieser Rabbiner der Judengemeinde Wien's. Der Geistliche, der ihn taufte, sagt unter Anderem: „Dieser Fall ist ein besonderer und ein seltener. Der neue Missionär wurde sein Lebelang von Juden und von Christen hochgeehrt wegen seiner Rechtschaffenheit und seiner Gelehrsamkeit. Kaum hatte er seine Zweifel gegen das Judenthum ausgesprochen und sein Suchen nach Wahrheit bekannt, als sich die Juden von ihm abwandten. Seine Frau und fein einziger Sohn verließen ihn, nahmen ihm alles Vermögen. 8 und ließen ihn, so gut er konnte, für sein Leben 1 kämpfen." — „Weekly Review“ erzählt als ein I Pröbchen von seinem GlaubenSmuthe, daß sich der I bewunderungswürdige Neophyte angeboten habe, r die Sphäre seiner neuen Wirksamkeit wieder in ] Wien zu suchen, wo die größte jüdische Bevölkerung Oesterreichs ihm mehr Gelegenheit bieten würde, für das Christenthum zu wirken. Denn in Wien war er viele Jahre Rabbiner, von der jüdischen Gemeinde hochgeehrt. Dieser Muth, diese Selbstverleugnung des Neophyten machte einen tiefen Eindruck auf das Comitö, das auch seine Entsendung nach Wien beschloß. — Aber nicht nur Reichthum und Macht gab der Wiener Rabbi hin für das Christenthum, sondern selbst den Ruhm, den er vormals unter Juden besaß. Er besaß also irdisches Gut und einflußreiche Macht nicht nur im Geheimen, und zwar so geheim, daß hierorts Niemand etwas davon merken und im Gedächtniß behalten konnte, sondern war sogar berühmt, hatte demnach Namen und Ruf — und doch weiß keine Seele in Wien davon, daß plötzlich ein hiesiger Rabbiner vom Rabbinatsstuhl! verschwunden und als christlicher Judenmissionär! auferstanden sei. Und wie heißt dieser merkwürdiges Mann, der als reicher, mächtiger und berühmten' Rabbi von Wien eines Abends sich schlafen legte,' und am andern Morgen als armer, verfolgter,^ und von Weib und Kind verlassener Apostel des^ Evangeliums aufstand? Die citirten Blätter j i < < 1 i ( i t i i \ c r t s i i s \ Ü r ü i ü 1 8 e u n 2 n