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Der Israelit · 1879-07-23 · Heft 30 (23.7.1879) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 30 (23.7.1879)
Date
1879-07-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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790 das, was hierin gelehrt wird, zum bleibenden Gute gemacht, nicht aber nur an dem Geiste vorübergeführt werden. Wir können es darum nicht billigen, daß man, aus Eifer recht viel leisten zu wollen, in der 1. Mädchenklasse die ersten 72 Psalmen in wöchentlich einer Stunde durchnimmt. Der Lehrplan bezeichnet zwar diesen Unterricht als einen cursorischen, doch ein cursorisches Durchgehen kcmn nur, wie wir schon oben bemerkt, dann von Vortheil sein, wo das vorher durchgearbeitcte Material so vielfach ist, daß bei einer cursorischen Durchnahme eines neuen Gegenstandes nur noch wenig Neues zu merken ist. Die Psalmen bieten aber fast lauter Neues und Schwieriges und darum möchten wir hier Mäßigung empfehlen. Wir scheiden von dem Lehrplan der Berliner Religionsschule mit Befriedigung, trotz mancher kleinen Ausstellungen, die wir zu machen uns verpflichtet fühlen; mögen diese von dem strebsamen Lehrercollegium und deren wackeren Director so wohlwollend ausgenommen werden, wie wir stets wohlwollend und glückwünsch-nd den Fortschritten der Religionsschule im Geiste gefolgt sind. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Gelegentlich der Einweihung der neuen Hamburger Synagoge bringt ein hiesiges Blatt einen interessanten Ausspruch des berühmten Meyerbeer über Synagogen-Musik in Erinnerung. Ludwig August Frankl hatte vor einigen Jahren nämlich die Aufgabe übernommen, den Componisten um eine neue Tondichtung zur Einweihung des israel. Bethauses in Wien zu ersuchen. Bei diesem Anlaß äußerte Meyerbeer: „Sie werden doch keine Orgel in der Synagoge einführen? Das ist ein rein christliches Instrument. Und dann! Ich rechne es mir als ein großes Verdienst an, daß ich in Uebereinstimmung mit Mendelsohn-Bartholdy in Berlin nur einen singenden Chor eingesührt habe. Der betende Mensch soll ohne alle Vermittlung zu seinem Gott sprechen. Nun halten das die Juden seit Zerstörung des Tempels, es ist so eing"bürgert durch zwei Jahrtausende. Wir sollen keine Neuerung machen. Wenn aber durchaus andere Musik verlangt wird, so müßte es, nach meiner Ansicht, eine von Posaunen und Flöten herrührende sein, wie sie im Salomonischen Tempel erscholl. Die Menschenstimme ist aber das Erschütterndste." Fürwahr die treffendste Erwiederung ans tit Bestrebungen unserer Reformhelden, die den gewaltigen Niedergang ihrer Parteiverhaltnisse durch allerlei künstliche Mittel und Mittelchen aufzuhalten suchen, sicherlich wird die noch so kunstvoll construirte Orgel mit ihren ergreifenden und hinreißenden Tönen Nichts helfen, wenn nicht wahre Religiosität, ohne viel Lärm und Gezänk wahre Frömmigkeit und Tugend, begründet auf den gottgeoffenvarten Lehren einer Jahrtausende langen Geschichte in Euren Herzen, Euren Familien, Euren Gotteshäusern eingekehrt sind. Eure Predigtzeit, Vor- oder Nachmittagsandacht wird herzlich wenig dazu beitragen, wirkliches Verständniß und Interesse für etwas Höheres in den Gemeinden zu schaffen, so lange Ihr an die Stelle der alten, angestammten Religion der Väter ein ödes Machwerk setzet, das Eurem eigenen Gehirn entsprungen, das Gepräge der Leichtfertigkeit und deshalb der Lächerlichkeit an sich trägt. Die Gemeindeverhaltniffe unserer Reichshauptstadt bieten hiefür die treffendste Illustration. Hier befindet sich der Vorstand wieder einmal auf der Rabbinersuche. Nachdem am jüngsten Fest der Befreiung (Peßach) der Gemeinde - Oberrabbiner sich vom Schauplatz seiner langjährigen Thätigkeit zurückgezogen, ziehen sie nun schaarenweise hierher, nach dem Brennpunkte jüdischer Kanzelberühmtheit, um sich hier ihre Sporen zu verdienen, die Kämpfer für Gott und seine heilige Sache (!) Welch trauriges, fast möchte man sagen, grausiges Bild zeigt sich dem gewissenhaften und ernsten Beobachter. Es ist ein Zeichen der Zeit, in der nun einmal der Niedergang der Reform besiegelt und bestätigt wird, daß die Gemeinden vom Schlage der alten Berliner sich ihre Seelsorger aus dem Lager der konservativen (sie) Breslauer Schule holen müssen. Noch bezeichnender aber für die weite Dimension, welche daS Herz eines Breslauer Theologen angenommen hat, daß jene Herren anstandslos sich um Stellen in Gemeinden mit ausgesprochener reformistischer Tendenz reinsten (oder unreinsten) Wassers bewerben. Und da ist es bald ein Pfäfflein aus Thorn, bald ein jugendlicher Kämpe aus Hildesheim, die der Ruf der Berliner Gemeinde nicht schlafen läßt und aus ihrem kleinstädtischen Heim nach der Metropole ruft. Man sollte wirklich meinen, daß jeder Einzelne, wenigstens nach seiner Predigt zu schließen, Befähigung genug besäße , Berliner Rabbiner oder gar Oberrabbiner zu werden; da wird Toleranz und JndifferentismuS in ausgedehntestem Maße gelehrt. Jndeß scheinen die Herren beim mündlichen Examen durchgefallen zu sein; da hat nämlich — man denke sich — jeder Herr Justizrath oder Knopffabrikant oder wohl gar Juwelenhändler, der im Vorstand vermöge seiner socialen Stellung Platz

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