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Der Israelit · 1879-07-16 · Heft 29 (16.7.1879) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 29 (16.7.1879)
Date
1879-07-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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765 trotz der einfachen Stoffe ihrer Toilette stand sie als elegante Dame ihrer ehemaligen Herrin gegenüber, die ihren eigenen Augen kaum zu trauen wagte. „Gretchen!" Doch da ertönte schon das letzte Signal zum Einsteigen und zum letzten Mal sank Betti weinend an der Eltern Brust. Frau Kohn wollte sie umklammern, doch der junge Gatte trat hinzu, sanft entwand er die Tochter den sie umschlingenden Armen der Mutter und trug die halb Bewußtlose in das Fahrzeug. das ihrer harrte. Jakobine folgte hastig. Wenige Minuten darauf durchfurchte der Dampfer die glitzernde Fluth. Vom Ufer her sendeten die Zurückbleibenden ihre letzten Grüße, auf dem Verdeck des Dampfers stand Betti gestützt auf ihres Gatten Arm und auf die treue Freundin und ließ in ihrer bebenden Hand ihr Tuch im Winde flattern. Und raschet, immer rascher brauste das Fahrzeug dahin und allzu rasch entschwand das Ufer. Betti verhüllte schluchzend ihr Angesicht, ihr Gatte neigte sich zu ihr und flüsterte Trostes- und Liebesworte in ihr Ohr und geleitete die heftig Weinende hinunter in die für sie bestimmte Cabine. Jakobine blieb zurück, sie fühlte, die Gatten mußten allein sein. Sie lehnte noch immer an das Geländer und blickte träumerisch in das wogende Naß und gewahrte es nicht, daß der Schaum, den die Räder emporspritzten, gleich Thauperlen in ihre wallenden Haare sich hing, sie hatte kein Auge für alle die Augen, die bewundernd das reizende Mädchen betrachteten, hatte keinen Blick für das herrliche, großartige Panorama, das ihren Blicken sich entrollte. Längst war der Hafen ihren Blicken entschwunden, doch noch immer war es ih« als sähe sie die Mutter, die verlangend die Arme nach der Tochter ausstreckte — und unwillkürlich mußte sie der eigenen Mutter gedenken, die an der Seite des wackern Gatten im Krerse ihrer blühenden Kinder, doch wohl schwerlich der verlorenen Tochter gedachte — und die doch einst sicher in weit schmerzlicherer verzweifelnder Sehnsucht die Arme nach ihrem Kinde ausgestreckt und — „Mutter! Mutter!'^ flüsterte Jakobine — und es war wohl nicht das Naß des aufspritzenden Wassers allein, das sie veranlaßte das Antlitz zu trocknen. — O wie sie sich sehnte nach der Umarmung der Mutter, der sie in kindlichem Frevelmuthe einst entflohen — und mit jeder Minute vergrößerte sich die Entfernung, die sie von der Geliebten trennte. — Doch was war die räumliche Entfernung im Vergleich zu Derjenigen, die sie in Wirklichkeit von einander hielt. Wohl zweifelte sie nicht, würde ihre Mutter ihre bittere aufrichtige Reue kennen und ihren festen Entschluß, die Vergangenheit, so weit es in ihren Kräften, durch die Zukunft zu sühnen — sie hätte ihr ihre Verzeihung nicht vorenthalten können — hätte die reuige Tochter sicher in ihren Armen empfangen. — Doch in den Augen der Welt war sie entehrt, schwerer Makel haftete an ihrem Namen. sie war nicht im Stande gewesen, sich von, dem Verdacht des Verbrechens, dessen sie beschuldigt war, zu reinigen — wie hätte sie es wagen können, der Mutter zu nahen, die schon um des Gatten willen die des Diebstahls Beschuldigte nicht hätte empfangen dürfen. — Nur neue Schmach und neue Qual hätte sie der Theuren zugefügt. - Nein, das hatte sie nicht dürfen — segnen mußte sie jede Spanne, die sie von derHeimath trennte, in der sie entehrt — segnen mußte sie das Geschick, das es ihr gewährte, im fernen Lande frei das Haupt zu heben. — Mit Gewalt drängte sie die trüben Gedanken zurück und athmete tief auf. Einem neuen Leben ging sie nun entgegen , einem Leben, das sie mit dem festen Vorsätze begann, sich der Achtung Derjenigen würdig zu zeigen, die mit so hochherzigem Vertrauen sich ihrer angenommen. Schon vor einigen Tagen hatte Betti sie ihrem Manne vorgestellt und Mr. Goldsmith hatte sie in seiner freundlichen herzgewinnenden Weise als Freundin seiner Frau begrüßt und die Hoffnung ausgesprochen, daß es ihm gelingen werde, auch ihr in seinem Hause eine angenehme Heimath zu gründen. Betti hatte ihn, mit ihrer Zustimmung mit ihrer in mehrfacher Beziehung eigenthümlichen Lage bekannt gemacht und sein Entgegenkommen, nachdem er ihre Verhältnisse kannte, hatte daher doppelten Werth für sie und in gewisser Beziehung konnte sie mit freier froher Zuversicht in die Zukunft blicken. — Und sie wollte es auch. Unwillkürlich richtete sie sich auf und mit jener unnachahmlich anmuthig stolzen Bewegung, die die verstorbene Gräfin und ihr Sohn so oft an ihr bewundert , hob sie das Haupt und warf die Locken zurück. Und nun gedachte sie auch der Pflichten, die ihre neue Stellung ihr auferlegt. Betti wollte von denselben zwar durchaus nichts wissen und hatte ihr wiederholt erklärt, daß sie sie einzig und allein als ihre Freundin um ihre Begleitung gebeten; gleichzeitig hatte Mr. Goldsmith ihr jedoch, als Gesellschafterin seiner Frau, ein nicht unbedeutendes Gehalt zugesichert, und Jakobine war

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