Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-07-16 · Heft 29 (16.7.1879) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 29 (16.7.1879)
Date
1879-07-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447826--16424-2472409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

764 „Du warst noch nicht zurechnungsfähig, kanntest noch nicht die Tragweite jenes entsetzlichen Schrittes, zu dem Du in kindlichem Frevelmuthe Dich hast verleiten lassen. — Und dann halte ich mich auch überzeugt, daß Du Deine aufrichtige Reue bethätigen und zurückkehren wirst zu der Religion, in der Du geboren." „Zurückkehren?" rief Jakobine, indem sie sich aufricktete, „ist denn eine Rückkehr möglich?" „Gewiß", erwiederte Betti, „Gott verzeiht dem reuigen Sünder." „Auch eine Schuld so groß wie meine?" „Auch diese — wenn die Reue erust und die Umkehr aufrichtig ist. Ich will Dich die Gebote und Satzungen unserer heiligen Religion lehren, befolge dieselben fortan mit ernster Pflichttreue — und Dei».Frevel jjj gesühnt." „Glaubst Du das wirklich?" flüsterte Jakobine erbebend. Statt der Antwort erhob sich Betti und trat zu einer Etagere von der sie ein Buch herunternahm. Es waren die Festgebete des Versöhnungstages in der Ursprache mit deutscher Uebersetzung. „Sieh' hier — und hier und hier —" Sie schlug ihr zahlreiche Gebetstellen auf, die von der aufrichtigen Umkehr des Sünders und der ihm in diesem Falle zugesicherten Verzeihung des Allmächtigen sprachen. Und Jakobine las diese herrlichen, herzerhebenden Gebete und stiller und sanfter ward es in ihrer Brust; Thranen entstürzten ihren Augen und sie gelobte sich und der Freundin, zurückzukehren zu dem Glauben, den sie in kindlicher Unzurechnungsfähigkeit einst verhöhnt, und nimmer seine heiligen Satzungen zu übertreten. Lange noch saßen die beiden jungen Mädchen beisammen und beachteten es nicht, daß die kurze Sommernacht verstrich und daß der Morgen graute. Sie hatten so viel zu besprechen, so viel zu berathen, denn im Laufe des Tages glaubten sie, es nicht wagen zu dürfen, vertraulich mit einander zu verkehren. Jakobine hielt ihre Sicherheit in der deutschen Handelsstadt noch immer für gefährdet. Doch in vierzehn Tagen sollte Bettis Vermählung gefeiert werden und dann sollte sie die jungen Gatten in die neue Welt begleiten und dort sollte auch für sie ein neues Leben beginnen. Offen wollte sie dort zum Judenthum zurückkehren und fortan als ernste, streng fromme Jüdin leben. * Sie hatte auch nichts dagegen, daß Betti ihren Verlobten mit ihrem wirklichen Namen und ihren Verhältnissen bekannt mache, ja sie hoffte sogar in Mr. Goldsmith einen Berather zu finden, der ihr angeben werde, in welcher Weise sie ihren Rücktritt bewerkstelligen könne, denn darüber wußte Betti ihr nichts zu sagen. Am folgenden Tage theilte sie. Frau Kohn mit. daß sie ihren Antrag annehme und ihrer Tochter auch fernerhin eine treue Dienerin sein werde, doch ersuchte sie, sie sofort aus ihrem Dienste zu entlassen, da sie gänzlich unvorbereitet zu einer so weiten Reise doch einige Vorbereitungen zu treffen habe. Betti hatte ihr diesen Rath ertheilt, damit sie ohne Aufsehen sich der Sabvatverletzung enthalten könne. Im Seitenflügel des Kohn'schen Hauses miethete sie sich ein Stübchen und verbrachte dort ruhige, hoffnungsreiche Stunden. Betti batte sie mit anregender Lectüre versorgt und ihre beiden kleinen Brüder verbrachten den größten Theil ihrer freien Zeit bei dem schönen sanften Mädchen, das sie so innig liebten und das ihnen um so theurer geworden, seit sie wußten, daß sie sie verlassen werde. Stundenlang konnten die. Kinder neben ihr sitzen und mit ihr plaudern, während sie eifrig nähte, um sich mit anständiger, ihrer neuen Stellung entsprechender Toilette zu versehen. Nur allzurasch entfloh die Zeit. Die Vermählungsfeierlichkeiten waren vorüber, der zur Abreise bestimmte Tag war angebrochen. Die Freundinnen hatten einander in den jüngst verflossenen Wochen nur selten und immer nur flüchtig gesprochen; doch Jakobine wußte, daß Betti auf sie rechnete. Es war ein sonnig heiterer Augustmorgen, als Jakobine, seil nahezu acht.Monaten zum ersten Mal sich wieder in moderne Kleider hüllte. Das junge Ehepaar, begleitet von den Eltern und den kleinen Knaben, hatte die Equipage bereits bestiegen, die sie zum Hafen führen sollte, als Jakobine in einer Droschke ihnen dorthin folgte. Die schmerzlich erregten Eltern, die sich zum ersten Mal von ihrer Tochter trennen sollten, schloffen diese wieder und immer wieder in ihre Arme und schienen sie nicht von sich lassen zu wollen, als Frau Kohn sich plötzlich des jungen Mädchens erinnerte, das die Abreisenden begleiten sollte. „Wo ist denn Gretchen?" fragte sie erschrocken um sich blickend, denn sie besorgte, die Erwähnte habe die Zeit zur Abfahrt versäumt. Doch Jakobine war bereits zu ihr getreten, hatte üsich grüßend verneigt und einige Abschiedsworte mit bebender Stimme an sie gerichtet, indem sie nochmals ihren schon oft ausgesprochenen Dank wiederholte. Frau Kohn starrte sie an; das einfache kleidsame Reise-Costüm hob ihre seltene Schönheit;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.