Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1879)
- Date
- 1879-07-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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760 „Seid mir gegrüßt, Ihr, die Ihr vom Hause des Herrn seid, Ihr Kinder der Freien, in heiliger Stunde! Hebt Eure Stimme mit mir und laßt uns singen das Lied des Bundes, heute noch im fremden Lande!" Darauf brauste es wie ein Wettersturm aus der Kapelle in den dunklen Wald hinein: Nun bitten wir den heiligen Geist Um den rechten Glauben allermeist, Daß er uns behüte, Bei unserm Ende Wenn wir abfahren aus diesem Elende Kyrie eleis! Als das Lied beendet war, sprach der Mann auf dem Altäre: „Gelobt sei Gott!" „Gelobt sei Gott!" klang es aus Aller Munde zurück; die Schwerter und Aexte klirrten und wild brausten die Stimmen: „Zum Kampfe, zum Siege! Hie Schwert des Herrn und Gideon's! Tod den Tyrannen, Tod den Edellenten, Pfaffen und Juden!" Es war ein wilder Tumult, der gegen die feierliche Stimmung, die kurz zuvor geherrscht hatte, grell abstach. Der riesige Mann auf dem Altäre ließ die Erregten einige Augenblicke gewähren. Dann ertönte sein Ruf in das Stimmengewirrs, und still wurde es wieder. „Freunde, Brüder!" begann er, und höher schien seine mächtige Gestalt sich zu heben und feuriger glänzten seine Augen. „Ich habe Euch hierher beschieden aus allen Gauen, im Aufträge des Gottbegnadeten Propheten Thomas Münzer, Euch zu bitten und zu beschwören, daß Ihr Euren kühnen Sinn mäßiget und nirgendwo zu früh losschlaget, sei es in Elsaß oder Schwaben, in Thüringen oder in Franken, am Rhein oder an der Donau. Denkt an den August des heute abgelaufenen Jahres, da einige Tollköpfe meinten, die ganze Welt einreißen zu können, und dafür mit Rad und Galgen büßen mußten. Soll ein glücklicher Erfolg unsre Sache krönen, dann darf der Aufruhr nicht hier und dort ausbrechen; die einzelnen Flammen erstickt man leicht durch einen Druck der Hand. Auf einmal muß er durch alle Lande fliegen, wie eine Flamme über ein Moosdach, das schneller verzehrt wird als man an's Löschen denken kann. Dann, meine Brüder, kömmt die Zeit, da der Stab Euer Dränger zerbrochen wird, da ihre Mauern stürzen werden vor Eurem Schlachrufe i irr pr La 1er de: Bl wie einst die Mauern Jericho'§. Und so hat mir der Prophet befohlen, Euch zu verkünden: Fürchtet Euch nicht vor der Gewalt der Feinde, laßt ihre Menge Euch nicht schrecken. Wie Pharao mit sei nem Heere, mit Rossen und Reitern vom Meere ist verschlungen worden, so wird die Erde sich spalten und die fressen, die es wagen, gegen die Heiligen Gottes zu ziehen. Euch aber wird kein Haar auf dem Haupte gekrümmt werden. Feuer und Wasser können Euch nichts anhaben; kein Schwerthieb, kein Lanzenstich soll Euren Leib ver letzen, machtlos sollen die Kugeln Eurer Feinde zu Euren Füßen niederfallen, Gottes Engel werden Euch mit ihren Schilden decken. Und wenn die Schaaren Eurer Feinde zerstreut sind, dann bricht die große Friedenszeit auf Erden an. Zu gleichen Theilen wird das Land und die Güter der Welt unter die Bürger des himmlischen Reichs getheilt, zu gleichen Theilen wird es auch Euch gegeben '^6 werden, wie einst den Kindern Israel das Land t3 Kanaan. als sie in dasselbe zogen, und Knechte sollen Euch dann die sein, die als gewaltthätige Herren bisher über Euch geboten, soweit wir sie nicht ausgerottet haben: die Tyrannen, die Edel leute, die Pfaffen und die Juden!" „„Sagt nicht: die Juden!"" schrie Rabbi Joselmann mit gewaltiger Stimme. Aller Augen richteten sich auf den kühnen Mann, der es gewagt hatte, den Apostel — so!!" nannte man die Sendboten des angeblichen Pro pheten Thomas Münzer — zu unterbrechen. Namenloses Erstaunen erfaßte die Männer als sie in dem Sprecher den Juden erkannten. Ein furchtbarer Sturm erhob sich. „Wie kömmt der Jude in diese geheime Ver sammlung?" tönte es von allen Seiten; ihn nieder, spaltet ihm das Haupt!" „„Ruhe, Ruhe!"" gebot der Apostel, „„ruhig Ihr Brüder, keine vorschnelle That! Wir müssei. zuvor wissen, wer der Verräther in unsrer Mitte ist, wer dem Juden Einlaß gewährt hat!"" Die Worte des Apostels, die gleich Donner tönen erdrönten. stellten die Ruhe her. Allel" schwieg. „Tritt vor, Jude!" sprach der Apostel, „un! sage uns, wer Dich hat hereingelassen!" (Fortsetzung folgt.) dei Tr nn ttuim eri §i Bin ch rr< m Hierzu drei Beilagen. ör nt Hn it )e?e Elt ve bi Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger). 8c Ml;d