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Der Israelit · 1879-07-16 · Heft 29 (16.7.1879) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 29 (16.7.1879)
Date
1879-07-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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755 wir, herrscht etwa in Gegenden, wo weit und breit keine Juden wohnen, weniger Luxus? Könnten die hier in Würzburg mehr als in irgend einer Stadt Süddeutschlands blühenden Concerte, Bälle,! Vergnügungstouren veranstaltet werden, wenn sie blos auf Juden spekulirten? Es ist an sich lächerlich, einer so unbedeutenden Minorität, die noch dazu von ausgesprochenem Haß umgeben lebt, einen Einfluß auf die Sitten der sie hassenden Masse zuzuschreiben, und darum eine teuflische Bosheit, die Juden für die heute die ganze zivilisirte Menschheit von jenseits des Urals bis an die Gestade des stillen Oceans im Westen niederdrückende Kalamität verantwortlich zu machen und insbesondere ihnen einen verderblichen Einfluß auf die Sitten zuzuschreiben. Wir wollen nicht bitter werden, wollen nicht in den Fehler unserer Feinde verfallen, welche die große Mehrheit für die Sünden einer verschwindenden Minorität verantwortlich machen; mögen es uns aber anständige Christen verzeihen, wenn wir einige Züge aus dem Sittenbilde der Zeit hier zeichnen, die nicht auf uns passen. Dieser Tage beschwerte man sich in hiesigen öffentlichen Blättern über gewisse Etablissements, die der Nachbarschaft Aergerniß geben; wir wissen nicht, wie viele solche sich hier befinden, das aber wissen wir sicher, daß die Unternehmer keine Juden sind. Oder find es Judenknaben und Weiber, die den Marktbesuchern die Börsen aus den Taschen stehlen? Es kommt zuweilen vor, daß selbst in feinen Gesellschaften Ueberzieher irrthümlich abhanden kammen. Hat je ein Jude einen solchen Jrrthum begangen? Fünfzig Jahre lang hat man uns in Bayern das natürlichste aller Menschenrechte versagt und wir können mit Stolz auf die Statistik der unehelichen Geburten verweisen. Wie viele Juden, die doch so wohllebig sein sollen, taumeln denn am Samstag betrunken in den Straßen umher, wie viele werden als nächtliche Ruhestörer und wegen anderen Skandals jährlich hier oder anderwärts eingefangen? Die Zuchthäuser werden auch von der Steuer der Juden gebaut, wir glauben aber kaum, daß ihnen im richtigen Prozentsatz Aufenthalt darin gestattet werden mußte. Aus der Klasse der Mörder, der Räuber, der Diebe, der Brandstifter, der Meineidigen, der Verbrecher gegen die Sittlichkeit, der Auflehnung gegen die Staatsgewalt. der Veruntreuung in Caffaämtern u. dergl. sitzen sicherlich weniger Juden darin, als nach der Zahl der Bevölkerung darauf entfallen würden; aus der Kategorie der Fälscher, der betrügerischen Bankerotteure, der Betrüger und Schwindler sicherlich nicht mehr. Wie wir nun weit entfernt davon sind, die Christen oder ihre Religion für diese Zustände verantwortlich zu machen, so fordern wir auch, daß wir ehrliche und redliche Juden nicht mit einigen Schurken, die sich zufälliger Weise zur jüdischen Religion bekennen, auf dieselbe Linie gestellt werden. 3. Wir mögen sortgehen gder man wird uns fortjagen, wir gehören nicht hierher, wir seien Fremde, das ist die Quintessenz all' der judenfeindlichen Auslassungen, die wir seit Jahren zu lesen bekommen. Was das Fremdsein betrifft, so können wir dreist behaupten, nicht nur, daß wir vor dem Christenthum in Europa und Deutschland waren, sondern auch vor den Urvätern der jetzigen Bewohner der verschiedenen Territorien, das heißt vor der Völkerwanderung, denn wir sind mit den Römern ins Land gekommen, deren Reiches Vollbürger wir waren. Wir haben auch nicht immer vorherrschend Handel getrieben. Bis in die Zeit der späteren Karolinger waren die Juden Grundbesitzer und fast ausschließlich die Handwerker, nicht selten die einzig brauchbaren diplomatischen Agenten der deutschen Kaiser und wir können kühn behaupten, daß wir der deutschen Cultnr und Wissenschaft die größten Dienste geleistet haben, wie dies Schleiden so schlagend nachgewiesen hat. Erst später, schon ziemlich hoch im Mittelalter, versagte man uns den Grundbesitz, verbot uns den Betrieb der Handwerke und benützte uns als Schwamm, der durch hohe Wucherkonzessionen Geld aufsaugen sollte, um ihn dann auszupressen. Um den geknechteten Bürgern und Bauern ihr Loos erträglicher zu machen, verschaffte man ihnen das Vergnügen, noch eine Kaste zu bilden, die unter ihnen stand, die Juden, und so ging's fort, bis uns die Fremdherrschaft befreite. Was wir sind, dazu hat man uns mit Gewalt gemacht und daß wir uns dennoch in einer Lage befinden, die uns der Aufmerksamkeit unserer Feinde würdig macht, das beweist eben, daß denn doch ein besserer Kern in uns steckt, als jene behaupten. Kaum ein halbes Jahrhundert ist es, daß man uns in Deutschland volle Menschenrechte einräumte, in Bayern speciell ein Vierteljahrhundert und da sollen alle die sozialen Mißstände, in die man uns hineindrängt, schon beseitigt sein! Ein halbes Jahrhundert soll die an uns, nicht von uns ein Jahrtausend lang begangenen Sünden, gesühnt haben! Riesenfortschritte haben die Juden gemacht in diesem halben Jahrhundert und das eben ist es, um was unsere Feinde uns beneiden, weshalb sie uns wieder in den Staub drücken möchten. Wenige sind noch zurückgeblieben; giebts unter den Christen keine intellektuell oder moralisch Zurückgebliebenen? Man irre sich nicht, ein ehrliches Studium der Geschichte weist eS unwiderleglich nach, daß die

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