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Der Israelit · 1879-07-16 · Heft 29 (16.7.1879) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 29 (16.7.1879)
Date
1879-07-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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754 Tagespresse dieses Verbrechen mit Hast aufgreift, um der seit vielen Jahren fortgesetzten Hetze gegen die Juden neues Interesse zu verleihen und die Juden für alle Kalamitäten unserer Zeit verantwortlich zu machen. ES sind hauptsächlich drei Punkte, die den Juden vorgehalten werden. 1) Sie seien Alle, mit Ausnehme einiger Anständigen, sammt und sonders Wucherer, Halsabschneider u. dergl., die alle Herabgekommenen an den Bettelstab gebracht haben; 2) sie verderben durch ihren LuxuS und ihre Lebsucht die Sitten; 3) sie seien Fremde, gehören nicht nach Deutschland; man solle sie, wenn nicht todtschlagen, mindestens doch fortjagen. Weit entfernt, zu hoffen, daß wir die Blätter, zu deren Hauptstoff dieses Thema gehört, eines Anderen belehren können, wollen wir für den rechtlich denkenden Theil des christlichen Publikums diese Vorwürfe einer Betrachtung unterziehen. 1. Wir geben mit Bedauern zu, daß einzelne Juden unredliche Geldgeschäfte treiben. Mag ste Schmach und Schande treffen, mag man sie öffentlich mit Nennung ihrer Namen und der allenfalls von ihnen verübten unredlichen Handlungen brandmarken, mag man gegen sie gesetzlich so strenge als möglich Vorgehen, wir werden uns dessen freuen, wie wir denn unsererseits sie unsere Verachtung auf alle mögliche Weise werden fühlen lassen. Aber man hat kein Recht, alle Juden mit gleichem Maß zu messen. Wir sind in der Lage, berufenen Christen nachzuweisen, amtlich nachzuweisen, daß zweiundneunzig Prozent der hier selbstständig lebenden Juden gar keine Geldgeschäfte machen, sondern entweder achtbare offene Geschäfte betreiben, von ihrem Vermögen oder unserm Almosen leben. Von acht Prozent ist uns der Geschäftsbetrieb unbekannt. Doch können diese nicht alle als Wucherer, jedenfalls nicht als Wucherer im schlimmsten Sinne, bezeichnet werden; denn nicht alle Geldgeschäfte sind schon Wucher; doch wollen wir auch diese nicht in Schutz nehmen, sondern nur sagen, daß höchstens fünf Prozent der hiesigen Juden, vielleicht 15—20 Personen, — die in etwa 6—8 Sippen und Consortien zusammengehören— gewissenlose Geschöpfe aus aller Herren Länder — Wucher treiben. Wie kann man da die große Masse der Juden mit diesen über denselben Kamm scheeren und von „einigen Anständigen und „lauter Halsabschneidern" spechen? Indem wir nun hiermit allen Wucherern unsere volle Verachtung ausdrücken und nichts sehnlicher wünschen, als dre Macht und die gesetzlichen Mittel, sie aus unserer Gemeinschaft auszuschließen, haben wir aber noch zwei Punkte hervorzuheben: Erstens: Nicht blos Juden wuchern; eklatante, hier vorgekommene Fälle beweisen, daß auch viele Christen wuchern, wie u. A. in einem jüngst vor dem Schwurgerichte verhandelten Falle Herr S. laut bekannte. Es sind nicht selten Christen der höchsten Stände, die dies Gewerbe treiben; (man lese hierüber übrigens Nr. 23 der Gartenlaube.) Würden die christlichen Wucherer, wie wir Juden überhaupt, von den Argusaugen des Hasses bewacht, so würde sich keineswegs ein für die Juden ungünstiges Verhältniß Herausstellen. Und sind etwa die Privatleihanftalten, die außer den Wucherzinsen, die sie nehmen, untreuen Dienstboten, liederlichen jungen Leuten als kozessionirte Hehlanstalten dienen, nicht viel schlimmer als der Wucher? Wir können mit Genugthuung konstatiren, daß kein hiesiger Jude eine solche Anstalt hat. Zweitens: Es ist unwahr, daß alle oder auch nur ein großer Theil der heruntergekommenen Personen, welche mit Juden Geldgeschäfte machten, durch diese ruinirt wurden. Wer bei Juden Geld sucht, der ist zumeist vorher schon ruinirt, sei es, daß ihn Trunksucht, Vernachlässigung seines Haushalts, ursprünglich mit dem Gute übernommene Schulden, oder was immer, vorher schon zum Bettler gemacht haben. Warum gründen denn die Herren, die so salbungsvoll gegen den Wucher schreiben, nicht Vorschuß-Kassen, oder warum geben die bestehenden den Anleihebedürftigen nicht Geld gegen zweifelhafte Sicherheit? Würde man all' den ruinirten Existenzen bis zum ersten Anfänge ihres Ruins folgen, so würde man Wirthsschulden und Zinsrückstände auf erste Hypotheken an Nichtjuden als Ursprung erkennen. Wir wiederholen es, daß wir hiermit keineswegs den Wucher, nicht einmal Geldgeschäfle mit solchen halbruinirten Leuten rechtfertigen oder auch nur beschönigen wollen, sondern aus Herzensgrund verwünschen; nur der falschen Behauptung treten wir entgegen, daß nur Juden wuchern und daß alle Ruinirten von Juden ruinirt worden sind. 2. Man wirft auch den Juden Luxus und Lebesucht vor. Zugegeben, daß einzelne Juden dieser Vorwurf trifft, so ist das doch mehr Thorheit, als etwas an sich Verwerfliches, obschon wir auch daS von Herzensgrund beklagen und verdammen. Aber daß sie die Christen zu diesen Thorheiten Hinreißen, ist boshafte Verleumdung, eine Ausgeburt des Judenhasses, welcher den Juden kaum Luft und Wasser, geschweige denn ein Vergnügen gönnt. Die Zahl der Juden in Bayern verhält sich zu der der Christen wie 13 zu 1000, im deutschen Reiche wie 12 zu 1000. Wir möchten doch sehen, wie viel Luxusgegenstände fabrizirt werden könnten, wenn diese Bruchzahl der Bevölkerung die Consumenten bildeten. Oder, fragen

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