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Der Israelit · 1879-07-09 · Heft 28 (9.7.1879) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 28 (9.7.1879)
Date
1879-07-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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636 Verhältnisse ihrer Gesellschafterin wußte, brachte sie ihm nicht dennoch ein Geheimniß in's Haus? Jakobine hatte allerdings in ihren Mittheilungen die Wahrheit nie verletzt; doch über ihre Kinderjahre, sowie über ihre Nationalität hatte sie das arglose junge Mädchen absichtlich im Unklaren gelassen. Denn sie wußte nur allzuwohl, wie Betti den Schritt beurtheilen mußte, den ja sie selbst in jüngster Zeit so oft und so schmerzlich bereut. — Sie hatte sich bisher nicht entschließen können, dieses Schrittes zu erwähnen, um sich der einzigen Freundin nicht zu berauben. „Was ist Dir, Gretchen?" fragte Betti besorgt, als sie Thränen in den Augen der Freundin gewahrte. „Sie sind so gütig", flüsterte Jakobine, „so sehr, sehr gütig —" „Schon wieder Sie", siel Betti unmuthig ein, „wir sind allein und Du weißt, wie sehr es mich dann ärgert, wenn Du Dich so kalt und fremd mir gegenüber stellst." „Ich glaubte, das Du wäre nur für das Schlafzimmer befohlen", erwiederte Jakobine mit mattem Lächeln. „Nichts da", rief das heitere Mädchen, „für den ganzen Tag ist's befohlen, wenn es kein Anderer hört. Aber in New-Aork darf das abscheuliche Sie gegen mich nie über Deine Lippen kommen, das mache ich zur Bedingung." „In New-Jork", wiederholte Jakobine mit einem kaum unterdrückten Seufzer, „wird dem Herrn meine Anwesenheit in seinem Hause willkommen sein — wenn er meine Verhältnisse kennt? —" „O, gewiß", entgegnete die Andere, „dafür stehe ich. Denn wenn Du auch eines schweren Verbrechens angeklagt bist, Du bist unschuldig, davon bin ich fest überzeugt und auch James wird davon überzeugt sein, nachdem er Dich gesehen — ich b greife überhaupt nicht, wie irgend ein Mensch, der Dich gesehen hat, an Deine Schuld glauben kann —" und dabei schlang sie den Arm um den Hals der Andern und zog sie an sich. Auf Jakvbinens Antlitz wechselte glühende Röthe mit erdfahler Blässe. „O dieses Vertrauen", flüsterte sie. „dieses hochherzige Vertrauen — daß ich es verdienen würde —" „Was faselst Du?" rief Betti lachend, indem sie sie auf's Neue umarmte. Jakobine entwand sich ihr. „Nein" sprach sie entschlossen, „ich darf Ihr Vertrauen ferner nicht täuschen und darf Ihre mich so innig beglückende Vertraulichkeit nicht dulden, bevor Sie nicht Alles wissen —" „Bevor ich nicht Alles weiß? — Du bist heute in einer seltsamen Stimmung, machst eir Gesicht als ob Du nicht übel Lust hättest, in di« Knie zu sinken und Dich schuldig zu bekennen." „Und wenn ich's thäte?" — flüsterte Jakobin« bebend. „Ich würde dennoch nicht an Deine Schul! glauben — daß Du gestohlen hast, glaube ich nicht und wenn Du mir es schwören würdest." „Nein, gestohlen habe ich freilich nicht, — aber schuldlos — schuldlos kann ich mich nickt nennen." „Und wer könnte sich schuldlos nennen? — gibt es irgend einen Menschen, der vollkommen ohne Schuld? — Nun siehst Du freilich wohl einem Engel ähnlich und bist sicher schon Engeln verglichen worden; aber darum bist Du doch nur ein Mensch und kannst als solcher vollkommene Schuldlosigkeit schwerlich beanspruchen." „Aber wenn nun eine schwere Schuld aus meinem Gewissen lastet — schwerer als die des Diebstahls? —" Angstvoll, flehend erhob sie den Blick zu der Freundin und jetzt war auch diese nicht mehr ini Stande, die Selbsianklage der Andern hinwegzuschcrzen. Dennoch ergriff sie Jakvbinens beide Hände und drückte sie fest an ihre Brust. „Ich kann Dich nicht für schuldig halten — nein ich kann's nicht — und Du mußt auch diese selbstquälerischen Gedanken fahren lassen — nicht wahr? Du wirst mich nie mehr damit ängstigen? Denn Du glaubst es nicht, wie wehe Du mir damit thust." Frau Kohn trat wieder in's Zimmer; Jaks bine nähte hastig weiter und als ihre Gebietern sie fragte, ob sie bereits in Betreff ihres Antrageinen Entschluß gefaßt, da erbat sie sich Bedenk zeit, bis zum folgenden Tage. Betti warf ih einen vorwurfsvollen Blick zu, doch sie gewahrti es nicht, sie hob das Auge nicht von der Arbeit Der Tag verstrich, der Abend brach herein Betti klagte über Müdigkeit und zog sich zeitige als sonst in ihr Zimmer zurück, Jakobine folgt wie gewöhnlich. „Nun ', rief Betti, nachdem sie den Riege vorgeschoben und die Freundin neben sich auf' Kanapee gezogen hatte, „jetzt sind wir allein, jetz mußt Du beichten von damals an, als Du Dich zu erst beim Paternoster geirrt bis auf den heutigen Tag Hu! mir grauet schon Jmvornherein, was wer!> ich da für Greuel vernehmen." Es lag eine Art erzwungener Heiterkeit i dem Ton des sonst so harmlos fröhlichen Mäd chens. Die mysteriösen Andeutungen Jakebinens die sie so innig liebte, an deren Schuld zu glau

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