Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1879)
- Date
- 1879-07-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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737 ben ihr unmöglich erschien, hatten dennoch einen Stachel in ihrem Herzen gelassen und sie glaubte, eS ihrem künftigen Gatten schuldig zu sein, die Vergangenheit Derjenigen, die sie als intime Freundin und Gesellschafterin ihm als Hausge* nossin zuzuführen beabsichtigte, möglichst genau kennen zu lernen. „Nun Gretchen?" sie schlang ihren Arm um die zarte Taille der Andern und zog sie an sich, „Du willst nicht beichten?" Jakobine war leichenblaß geworden, sie hob den thränenumflorten Blick empor zu dem treuen, mildherzigen Mädchen, das sie so aufrichtig liebte und ihr so gern vertrauen wollte. „Wenn Du wüßtest, wie schwer, wie unsäglich schwer es mir wird, Deine Liebe, Deine Achtung, auf die ich den höchsten Werth lege, vielleicht in Haß und Verachtung verwandeln zu sollen — 0! —" Sie barg das Antlitz irr den Händen und schmerzlicher Seufzer entrangen sich ihrer Brust. Auch Betti war erblaßt. „Du übertreibst", sprach sie mit leicht vibrirender Stimme, „welche Schuld Dein überaus zartes Gewissen auch drücken mag, vor Haß und Verachtung sichert Dich die tiefe aufrichtige Reue, die Du empfindest — solche Reue sühnt Alles." „Alles? — O, daß Du recht hättest, daß es in Wirklichkeit eine Sühne gebe für meine Schuld! —" „Sprich, sprich —" drängte Betti mit ausbrechender Ungeduld „diese halben Worte, diese entsetzlichen Andeutungen ertrage ich nicht." Und Jakobine ermannte sich endlich und erzählte Alles, Alles — daß sie als Jüdin geboren, doch nie irgend welchen Religionsunterricht genossen. Daß ihre Mutter, obgleich selbst streng religiös, es doch nicht verstanden hatte, ihr Verstän'dniß oder Liebe für die Religion einzuflößen, deren Vorschriften sie selbst mit minutiösester Genauigkeit beobachtete — und auch von der unablässigen Trauer ihrer Mutter erzählte sie und von ihrer steten Kränklichkeit und daß sie trotz derselben unablässig hatte arbeiten müssen, um sich und ihr Kind zu erhalten. — Und endlich erzählte sie von ihrer Bekanntschaft mit dem Geistlichen und dessen verlockenden. bestrickenden Vorspiegelungen. — Wie er sie in gewissem Sinne überzeugt hatte, daß sie selbst die Ursache der Kränklichkeit ihrer Mutter, die für ihren Unterhalt die schwachen Kräfte unablässig anstrengen mußte — daß es daher eine Wohlthat für ihre leidende Mutter, wenn sie der Sorge für ihren Unterhalt enthoben. — Und wie er es ihr in Aussicht gestellt hatte, daß sie durch Annahme seines Anerbietens in nicht allzuferner Zeit die Mutter werde ernähren können, die in dem Wohlstände und dem Glücke ihrer Tochter deren Religionswechsel unschwer übersehen werde. — Doch seit ihrem Eintritt in Betti's elterlichem Hause, namentlich seit der ReligionS- Erläuterungen der kleinen Knaben war sie zuerst zur Kenntniß der Religion gelangt, in der sie geboren, und je mehr sie sie hatte kennen gelernt, desto mehr hatte sie erkannt, wie furchtbar sie sich durch ihren Uebertritt versündigt. — Daß in jüngster Zeit ihre Hand oft gebebt. wenn sie am Sabbat eine unerlaubte Arbeit habe verrichten sollen, und daß nur die Ueberzeugung, daß ihre Schuld so groß, daß es unmöglich, sie noch zu vergrößern, ihr den traurigen Muth verliehen habe, die ihr widerstrebenden Obliegenheiten zu vollbringen. „Und nun weißt Du Alles", schloß sie endlich ihren ausführlichen Bericht, „nun hasse, verachte mich — ich weiß ja, daß ich es verdiene — aber bemitleide mich, denn ich bin grenzenlos unglücklich. — Ich stehe allein in der Welt — ganz allein in der großen weiten Welt. — Von meiner Mutter und meinen Verwandten trennt mich mein Frevel — von jenen Kreisen, in denen man mich vor Kurzem geehrt und geliebt, trennt mich die gerechte Strafe für diesen Frevel. — Und nun stehe ich ganz allein — kein Mensch liebt mich — Keiner nimmt auch nur das geringste Interesse an mir — Deine Liebe, Deine Freundschaft war der einzige Sonnenstrahl in mernem trostlosen Sein — und nun ist dieser auch dahin! —" Uebermannt von ihrer Aufregung war sie in die Knie gesunken, sie bedeckte das schmerzzuckende Angesicht mit dem Tuche, ihr Haupt sank auf das Kanapee. Ohne sie zu unterbrechen, hatte Betti ihren Mittheilungen gelauscht. Im ersten Moment wie erstarrt, dann empört bei dem Gedanken, daß sie, sie selbst eine geborne Jüdin zur Entweihung des Sabbats veranlaßt hatte, siegte doch bald ihr Gerechtigkeitsgefühl und sie konnte sich nicht verhehlen, daß so schwer, so unentschuldbar Jakobinens Frevel ihr auch erschien, daß doch verschiedene Momente zusammentraten, die ihn in einem milderen Lichte erscheinen ließen. Und zu dem die Reue, die bittere aufrichtige Reue der Verzweifelnden, die zu ihren Füßen sich wand. — Nein, sie konnte sie nicht hassen, nicht verachten. (Fortsetzung folgt.)