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Der Israelit · 1879-07-09 · Heft 28 (9.7.1879) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 28 (9.7.1879)
Date
1879-07-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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731 Muthe und in strenger Gerechtigkeit zu sein, was seinem ganzen Besen Hoheit und Majestät verlieh. Vor dem Blicke des Kaisers erzitterten die beiden Männer, die er vor seinen Thron hatte citiren lassen, noch ehe er ein Wort zu ihnen sprach. „Ihr habt", redete der Kaiser sie an, „durch Lügen und Verleumdungen den Kaiserlichen Befehlshaber , den Juden Joselin von Rosheim ins Gefängniß gebracht, auf falsche, unsinnige Aussagen hin. die Ihr ausgedacht, um ihn zu verderben! Redet die Wahrheit, so soll Eure Strafe eine gelinde sein. Wagt Ihr es aber, aufs Neue zu lügen, so lasse ich" die Sache aufs Strengste untersuchen, und es wird Euch Eure Köpfe kosten. Wenn Euch Euer Leben lieb ist, so sprechet die Wahrheit." Da warfen sich die Beiden auf die Erde nieder und fingen an zu weinen und zu winseln. Carl blickte verachtungsvoll auf sie hernieder. „Da liegt Ihr feigen Menschen", sagte er, ..auf der Erde und winselt wie die Hunde, die von ihrem Herrn abgestraft werden sollen. Warum habt Ihr Euch nicht geschämt, zu lügen und zu verleumden? Der Jude Joselin soll kommen und sehen, wie ich die Verleumder bestrafe." Sofort entfernte sich ein Diener, um Rabbi Joselmann zu rufen. Als dieser in das Vckkzimmer des kaiserlichen Gemaches trat, bot sich ihm ein eigenthümliches Schauspiel dar. Der gestrenge Herr Bürgermeister von Ober-Ehnheim und der ehrsame Herr Johannes Pfefferkorn krochen auf allen Vieren herum und bellten wie die Hunde. Als Rabbi Joselmann eintrat, wollten sie sich erheben; da schlugen zwei Hellebardiere mit ihren Hellebarden auf sie los und zwangen sie weiter herumzukriechen und weiter zu bellen. Um sie herum sprangen die Diener, Zwerge und Hofnarren des Kaisers und neckten sie, wie man Hunde zu necken psiegt; hielten ihnen Stöcke vor. daß sie darüber springen sollten; sobald sie sich weigerten, waren die Hellebardiere bei der Hand und zwangen sie, zu springen, zu apportiren und andere Hunde-Kunststücke auszuführen. Nachdem Rabbi Joselmann eine Zeit lang das seltene Schauspiel mit Verwunderung betrachtet hatte, wurde er gerufen, vor dem Kaiser zu erscheinen. „Hast Du gesehen", redete Carl ihn an, „wie die beiden Hunde springen, und hast Du gehört, wie sie bellen? So pflege ich die Verleumder zu bestrafen*). Dir aber, Joselin, gehört für die Leiden, die Du unschuldiger Weise hast erdulden *) Vergleiche Vehse, Carl V., Theil II. S. 33. müssen, eine Genugthuung. Du sollst an meiner Seite durch die Stadt reiten und mir die jüdischen Alterthümer derselben zeigen, von denen ich viel gehört habe." Es war eine glänzende Cavalcade, die sich durch die Straßen von Worms bewegte: Kurfürsten, Cardiuäle, Herzoge, Fürsten, Bischöfe, Grafen und Ritter — lauter regierende Herren — und an der Spitze des Zuges ritten der Kaiser und der jüdische Befehlshaber. Da kam alles Volk zu laufen, um dieses Wunder anzustaunen, und die Juden dankten Gott in ihren Herzen. Seit der Zerstörung des zweiten Tempels war eine solche hohe Ehre noch keinem Juden zu Theil geworden. Die Kunde davon drang durch die Welt und die Judenfeinde erzitterten, üm Meisten die beiden Männer im Vorzimmer des kaiserlichen Gemaches, die von Carl zu Hunden waren degradirt worden. Unterdeß sprach der Kaiser auf das Leutseligste zu seinem jüdischen Begleiter. „Ist es wahr", fragte er, „daß die jüdische Gemeinde zu Worms die älteste sei in ganz I Deutschland V‘ j „„Man sagt so, Majestät,"" antwortete Rabbi | Joselmann. „„Es sollen sich hier schon Juden ani gesiedelt haben zu der Zeit, als in Jerusalem der j heilige Tempel noch stand."" > Der Zug war vor der Synagoge angekommen, an deren Pforte der Rabbiner und die Vorsteher der Gemeinde standen. Dieselben verneigten sich tief, und der Rabbiner sprach mit lauter Stimme den üblichen Segensspruch. Der Kaiser stieg vom Pferde. Seinem Beispiele folgten die Uebrigen. „Ein stattliches Gebäude", sagte Carl, die Synagoge betrachtend, „ein uraltes Gotteshaus!" „„Darf ich Eurer Majestät"", fragte Rabbi Joselmann, „eine Merkwürdigkeit an der Außen» mauer zeigen?"" Carl' nickte zustimmend. Rabbi Joselmann führte den Kaiser an die Ecke des Gebäudes, wo dieses mit den gegenüberliegenden Häusern eine enge Gasse bildet. „Was ist das für ein eigenthümlicher Eindruck in die Mauer?" fragte Carl. „„Majestät"", antwortete Rabbi Joselmann, „„diese Mauer war ursprünglich gerade. Einst schritt eine jüdische Frau durch diese Gosse. Da fuhr ein roher Mensch, der einen Wagen lenkte, auf sie zu; er hätte sie in der engen Gasse zermalmt; das geängstigte Weib drückte sich an die Mauer, und siehe, Gott that ein Wunder; die Mauer trat zurück, und der Wagen fuhr an dem i Rücken des WeibeS vorbei, ohne es zu berühren.

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