Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1879)
- Date
- 1879-07-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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708 freundlich. »Sie scheinen etwas auf dem Herzen zu haben. Wenn ich Ihnen gefällig sein kann, würde es mich freuen." „Sie sind so gütig, Fräulein", erwiederte Jakobine mit einer ihr selbst unerklärlichen Befangenheit, „ich möchte mir in der That eine Bitte erlauben." „Nun, so geniren Sie sich nicht, reden Sie frei." Aber die Andere zögerte dennoch; es ward ihr schwerer, als sie geahnt. Betti wiederholte ihre freundliche Aufforderung und Jakobine ermannte sich endlich: „Ich bin in der katholischen Religion erzogen", begann sie, „habe j:doch in der Religion, die man mich gelehrt hat, nie meine Befriedigung finden können — freilich habe ich sie auch nie darin gesucht. Denn das, was ich als Religion kannte, es war so schaal, so hohl, so leer — doch erst seit mir das Glück geworden, in Ihrem Hause zu leben, habe ich die ganze Haltlosigkeit dessen erkannt, was ich als Religion betrachtet und die trostlose, entsetzliche Leere meines Innern —" Sie hielt inne, Betti blickte voll Staunen auf das erregte Mädchen, das als Magd vor ihr stand und in so gebildeten, gewählten Worten sich auszudrücken wußte. „Und Sie wünschten? —" fragte sie. „Ihre kleinen Brüder haben mir so Manches erzählt, worin sie unterrichtet werden und haben dadurch den Wunsch in mir erweckt, Ihre Religion näher kennen zu lernen. — Wenn Sie mir dazu verhelfen wollten, Fräulein — ich würde mich Ihnen so sehr verpflichtet fühlen — wenn Sie mir vielleicht ein populär jüdisch-theologisches Werk leihen könnten — natürlich in deutscher Sprache. —" Betti betrachtete die Erregte mit wachsendem Erstaunen. Ihr seines Wesen war ihr zwar gleich im Anfänge ausgefallen, doch Jakobine war gegen die erwachsenen Hausgenossen stets so zurückhaltend, so wortkarg gewesen, daß sie von ihrer Bildung keine Ahnung hatten und Betti vermuthete mit Recht, daß sie nur durch die Erregung des Moments sich hatte verleiten lassen, sie zu zeigen. „Ich habe kein deutsches Werk, wie Sie es wünschen", sprach Betti nach einiger Ueberlegung, „doch in französischer oder englischer Sprache könnte ich es Ihnen vielleicht verschaffen." „Gleichviel" , rief Jakobine lebhaft — doch im selben Moment erinnerte sie sich ihrer Stellung und hielt verlegen inne. „Ich bin", sprach sie, den Blick zu Boden sinkend „mit der Dame, bei der ich zuletzt diente, eine Zeit lang in Paris und London gewesen — paher sind mir beide Sprachen nicht fremd." „Und in dieser Zeit haben Sie beide Sprachen so vollkommen erlernt, daß Sie ein theologisches Werk in denselben lesen möchten?" Jakobine erbleichte, sie hatte sich verrathen — unfähig, ein Wort zu erwiedern oder auch nur den Blick zu heben, preßte sie beide Hände auf das Herz. „Warum sind Sie nicht wahr gegen uns?" fuhr Betti fort, „verdienen wir Ihr Vertrauen nicht?" „Fräulein —" stammelte Jakobine abwehrend. „Sie haben sich uns als Magd vorgestellt — haben absichtlich Ihre Bildung verheimlicht — und haben meiner Mutter sogar ein Dienstzeugniß vorgelegt — und doch habe ich die feste lieberzeugung, daß Sie weder als Magd erzogen, noch je als Magd gedient haben —" Jakobine fühlte sich einer Ohnmacht nahe; unwillkürlich sank sie in die Kniee und streckte flehend die Arme empor: „Verzeihung Fräulein! Verzeihung! ich bin unschuldig!" Betti suchte die heftig Erregte zu beschwichtigen, sie half ihr vom Boden sich zu erheben und versicherte ihr, daß sie sie doch keiner andern Schuldanklage als daß sie sie und die Ihrigen getäuscht. „Und ist denn jede Täuschung Schuld?" murmelte Jakobine, „kann es nicht Umstände geben, Verhältnisse, in denen die Pflicht der Selbsterhaltung eine Täuschung gebiete:? — Wenn Alles auf dem Spiele —" Sie hielt inne, die Aufregung hatte sie übermannt, wie im Fieberfrost schlugen ihre Zähne aneinander. Betti that ihr Möglichstes, sie zu beruhigen. „Wenn Ihnen so sehr daran gelegen ist, will ich Ihren gern das Versprechen geben, Ihr Geheimniß zu bewahren; von mir wird es Keiner erfahren, daß ich Sie nicht als Magd betrachte." Jakobine ergriff die Hand des theilnehmenden Mädchens und drückte sie innig. „Ich möchte ja so gern offen gegen Sie sein — o so gern — wenn ich nur nicht fürchten müßte, durch meine Offenheit ein Vertrauen zu beanspruchen , dessen ich mich noch nicht würdig genug gezeigt." „Ich verstehe Sie nicht", sagte Betti. „Man hat mich eines Verbrechens angeklagt", fuhr Jakobine mit wiederum steigender Erregtheit fort, „ich bin unschuldig — so unschuldig, daß ich nicht einmal eine Ahnung habe, wie dasselbe verübt worden sein kann — und doch bin ich nicht im Stande, meine Unschuld zu beweisen. Wollte ich Ihnen nun offen jene Verhältnisse mittheilen,