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Der Israelit · 1879-07-02 · Heft 27 (2.7.1879) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 27 (2.7.1879)
Date
1879-07-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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707 „Sie sind ernstlich unwohl, Gleichen, Sie müssen sich niederlegen. Kommen Sie, ich führe Sie in Ihr Zimmer." „Nicht doch, nicht doch", stammelte Jakobine, die sich ihrer Schwäche schämte. Doch das mildherzige Mädchen bestand darauf und geleitete sie sorgsam zu ihrem Bette. Jakobine versicherte zwar, daß sie sich wieder vollkommen wohl fühle, aber Betti hielt sich dennoch verpflichtet, ihre Mutter von dem Unwohlsein des Mädchens in Kenntniß zu setzen. Ihre kleinen Brüder waren ihr jedoch schon zuvor gekommen. Frau Kvhn war ernstlich beunruhigt, sie schätzte ihre Dienerin aufrichtig und hatte schon mehrmals die Besorgniß geäußert, die Arbeit in ihrem Hause könne für das nicht übermäßig kräftige Mädchen zu anstrengend sein. Berti stimmte ihr darin b.i. „Weißt Du was, Mama, entbinde sie jeder schweren Arbeit und lasse sie dafür an meiner Aussteuer nähen." Frau Kohn war einverstanden, nur müsse sie sich vor Allem wieder ganz wohl fühlen und deßhalb wollte sie sofort den Arzt rufen lassen. „Ach nein, Mama", rief der kleine Victor, „Du brauchst den Doctor nicht kommen zu lassen, Gretchen ist gar nicht krank, sie ist nur schwindelig, hat sie gesagt, und ich weiß ganz gut, von was sie schwindelig geworden ist." „Du bist ein vorlautes Bürschchen", sagte Frau Kohn läcyelnd. „Aber ich weiß doch, wovon Gretchen schwindelig geworden ist, Betti ist daran schuld." „Ich?" fragte Betii erstaunt. „Ja Du", rief der Kleine erregt, „warum hast Du ihr Deinen Brief io hingehalten, daß sie ihn hat aufmachen müssen?" „Aber das ist ja nicht unrecht", entgegnete die Beschuldigte errölhend. „Aber Max hat grade erzählt, was er heute bei Papa gelernt hat, daß es eine so große Sünde ist , am Sabbat auch nur ein Stück Papier zu reißen, und da mußt Du mit Deinem Briefe kom-! men, daß Gretchen ihn aufreißen muß. Und sie j ist so^ lieb und gut, sie mag auch nichts thun, was! am Sabbat verboten ist." z „Du bist ein kleines Närrchen", tadelte die! Mutter, „begeht denn Gretchen ein Unrecht, wenn j sie am Sabbat einen Brief erbricht oder irgend! eine Arbeit verrichtet? sie ist Christin und Du j solltest doch schon wissen, daß nur Juden am; Sabbat nicht arbeiten dürfen."! „Und ich weiß doch, daß sie es gar nickt gern thut", behauptete der Kleine. „Weißt Du, Mama", fuhr er leiser fort, „ich glaube, Gretchen ist gar nicht gern Christin, sie möchte viel lieber Jüdin sein. Immer bittet sie Max, er möchte ihr Alles erzählen, was er gelernt hat." „Das ist wahr", bestätigte dieser, „und ich erzähle ihr auch immer Alles und sie merkt es sich so gut — manchmal noch besser als ich."! Frau Kohn schüttelte staunend den Kopf, sie i hatte von alle Dem nichts bemerkt. „WennJhraberglaubt, daß demGretchen davon schwindelig geworden ist", sagte sie lächelnd, „so wär's doch am besten, Ihr stelltet euren Unterricht ein." „Aber sie hört es so gern und bittet immer darum." „Aber Ihr habt doch auch nicht immer Zeit." „Aber wenn wir Zeit haben —" Frau Kohn wollte den Verkehr der Kinder mit dem Mädchen, das sich ihrer Achtung erfreute , nicht durch ein ausdrücklich Gebot beschränken; sie nahm sich jedoch vor, sie möglichst selten mit iyr allein zu lassen. Abermals verstrichen Wochen. Jakobine fühlte sich der gütigen Herrin aufrichtig verpflichtet, daß sie sie der schweren Arbeit enthoben. Durch verdoppelten Fleiß bei dem leichtern Werk suchte sie dieses Wohlwollen ihr zu lohnen. Die Unterhaltung mit den Kindern, namentlich mit dem ältern Knaben gewann jedoch von Tag zu Tag für sie an Netz, und da die Mama es doch nicht geradezu verboten, ließ sich der Kleine auch stets bewegen, das so eben Erlernte sofort weiter zu lehren. Und Jakobinens heller, scharfer Geist wußte das Erlernte in sich zu verarbeiten und von Tag zu Tag erkannte sie mehr, wie schwer sie sich verschuldet. Oft bebte ihre Hand, wenn sie am Sabbat das Feuer schüren wollte — doch sie wähnte, es gebe für die Abtrünnige keine Rückkehr, es sei unmöglich, ihre Schuld zu vergrößern, für die sie ihr Seelenheil ja doch bereits verwirkt — und dennoch drängte sie unaufhaltsam nach Wahrheit und nach Klarheit. Es war an einem Sabbatnachmittag, das herrliche Frühlingswetter hatte die ganze Familie Kohn hinaus in's Freie gelockt, nur Betti war daheim geblieben; sie erwartete Brief von ihrem Verlobten und hatte sich deßhalb nicht entschließen können, die Eltern zu begleiten. Voll Ungeduld lehnte sie im geöffneten Fenster und harrte des Postboten. Da ging die Thür auf, Jakobine trat in's Zimmer. „Was bringen Sie?" rief Betti ihr entgegen, „ist der Briefträger dagewesen?" „Ich glaube nichr", erwiederte die Gefragte, schüchtern naher tretend, „aber ich —" sie stockte „Was möchten Sie Gretchen?" fragte Bett

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