Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-07-02 · Heft 27 (2.7.1879) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 27 (2.7.1879)
Date
1879-07-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447824--16364-2472347
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

706 Verhältnissen gelangen, dann müsse Arbeitsamkeit, Einfachheit und Mäßigkeit an Stelle des Luxus, des Hochmuths und der Arbeitsscheu treten und wahre Herzensreligion der oberste Grundsatz der Schule und Familie sein. Wir wissen, daß bei einem großen Theil der heutigen Juden Zeugnisse und Beweise von nichtjüdischer Seite mehr Zeugniß- und Beweiskraft haben, als wenn wir, und ganz besonders wir gesctzestrenen Juden mit denselben kämen. Wenn von unserer Seite immer darauf hingewiesen worden, daß unsere Zeit wohl an Kenntniß und Wissen reich, an Gottesfurcht und Moral aber gesunken , daß die Religion durch den gröbsten Materialismus verdrängt und die sich daraus ergebenden tief ins ganze Leben einschneidenden verderblichen Folgen blos legten, dci waren wir die Fanatiker, die Finsterlinge, die jeder Wissenschaft abhold, die die großartigen Errungenschaften und Resultate der neuesten Forschung mit neidischem Auge betrachteten. Heute erklären die Lehrer Deutschlands, daß mit dem Zunehmen des Wissens „der Mangel an Pietät und Gehorsam, die Zunahme an Rohheit, «L-ittenlosigkeit, Genußsucht re. noch mehr als gleichen Schritt nach vorwärtS gehalten", daß cs also „mit den Fortschritten des Wissens und ihrer Hülfsmittel allein keineswegs gethan sei", daß „die Religion einen Haupt lehrgegen st and in der Schule bilden müsse." Wollen vielleicht die Juden leugnen, daß es bei ihren Kindern anders bestellt sei? Die hohe Sittenreinheit, die sonst ein Erbgut unseres Volkes, in Zeiten des tiefsten Falles und des härtesten Druckes der Stolz und Ruhm desselben war, ist einem großen Theile des heutigen jüdischen Geschlechts abhanden gekommen. Wie frivol der Unterhaltungsstoff unserer Jugend ist, davon kann stch Jeder leicht überzeugen. Mit wahrhaftem Grauen wendet man sich weg und erröthet über jene Jugend, die das Gefühl des Anstandes und des guten Tones so sehr verletzt und nicht einmal weiß und nicht mehr fühlt, daß sie dagegen so gröblich verstößt. Ohne Uebertreibung kann man sagen, daß in demselben, ja in noch höherem Maße die Sittenlosigkeit bei den Juden der Neuzeit zugenommen hat, als sie sich der jüdischen Religion und ihren reinen Gesetzen entfremdet haben. Die Eltern betrachten die Lebensweise ihrer Kinder, deren Thun und Reden als Ausfluß ihrer Jugend, die man austoben lassen müsse — eine bequeme und leichtfertige Redensart — und — wagen es nicht, auch wenn sie es mißbilligen, ihren Tadel darüber auszusprechen, da es ja doch nichts fruchten würde. Das ist auch eine Errungen-! schaft unserer Zeit, daß die Kinder, sobald sie nur etwas reifer sind im Denken, sich von den Eltern emancipiren, Achtung und Ehrerbietung gegen dieselben fast gänzlich bei Seite legen und ihnen den Gehorsam verweigern. Das war früher anders. Und wenn heute von den maßgebendsten Beurthei.ern der Jugend, von den Lehrern die einzige Ursache dieser traurigen Erscheinungen in dem Mangel an Religion gefunden wird, werden sich die Eltern diesem Urtheile verschließen? Fühlen und wissen sie denn nicht, daß ihre Kinder besser sein dürften? Wollen sie nicht mithelfen an der Erziehung ihrer Kinder zu Zucht und Sitte? Wollen sie sich immer noch dagegen verschließen, was der weiseste der Könige als Endresulat seiner Betrachtungen über die Eitelkeit des Irdischen hinstellt in dem Satze crp^x n« -im ppo □ixn ni ’D ")2&? rmso rusi *n\ „Der Schlußsatz, der Alles enthält, ist: Fürchte Gott, halte seine Gebote, denn dies ist der ganze Mensch." — Wie die Kinder zu erziehen sind, darüber nächstens n"’N. I)r. H. Sänger. Feuilleton. Iakoöine. Ein Lebensbild. Von Friedrich Mott. XXXVI. Der Brief war zur Erde gefallen, Betti hob ihn auf und wollte ihn zu sich nehmen — Jakobine streckte zögernd die Hand danach aus. „Soll ich ihn öffnen? ' „O nicht doch", entgegnete das gutmüthige Mädchen, „Sie befinden sich nicht ganz wohl, suchen Sie nur vor Allem sich wieder zu erholen." Aber Jakobine griff mit einer Art verzweifelnder Geberde nach dem Schreiben und erbrach es. Was sollte ihr Zögern? — sie hatte sich ja längst losgesagt von jenen Lehren, hatte sie verleugnet, hatte sie abgeschworen in kindischem Frevelmuth, ohne auch nur eine Ahnung zu haben von ihrer Heiligkeit, ihrer unverbrüchlichen Verbindlichkeit. Betti hatte ihre Lectüre beendet, die Kinder machten sie aufmerksam auf das bleiche Aussehen der Dienerin, die mit geschlossenen Äugen in dem Sessel lehnte. Theilnehmend trat sie zu der sichtlich Leidenden und legte ihre Hand an deren Stirn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.