Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1879)
- Date
- 1879-07-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XX. Jahrgang. Erste Seilage ju Nr. 27 des Israelit. Zeitungsnachrichten Sf Correspondenzeu. Deutschland. Bingen, 2V. Juni. Die Signatur unserer Zeit war am leichtesten an dem Religionsunterrichte, sowohl wie er von der Schule ertheilt, als auch wie er von den Schülern aufgefaßt wurde, zu erkennen. In neuerer Zeit wurde er so nebensächlich betrieben, so stiefmütterlich behandelt, so wenig Werth besonders von Seiten der Eltern darauf gelegt, daß die Lehrer, besonders an höheren Lehranstalten, glaubten, Religion werde eigentlich nur noch eines alten Herkommens wegen in der Schule ertheilt, denn nach den Resultaten der neuesten Wissenschaft fei es vom pädagogischen Standpunkte aus sehr fraglich, ob der Religionsunterricht noch geduldet werden dürfe, ob nicht diese Resultate der Wissenschaft an dessen Stelle in den Lehrplan der Schule als Religionsunterricht ausgenommen und gelehrt werden sollen. Manche Lehrer gingen eigenmächtig vor und machten die Kinder, auch wenn diese in noch zartem Alter standen, mit den Lehren eines Darwin, Häckel rc. bekannt und arbeiteten so dem Bischen Religionsunterricht, der noch ertheilt wurde, entgegen , so daß er wirkungslos blieb. Die Eltern hatten für nichts weiter Sinn, legten auf nichts mehr Werth, als darauf, daß ihre Kinder einst die Reife erlangten, um das Zeugniß für den Einjährigfreiwilligen - Dienst zu erhalten. Dazu konnte aber der Religionsunterricht, und wenn das Kind die erste Note darin erwarb, nichts beitragen. Haus und Schule haben seit Decennien schwer gesündigt. Denn mit der Gottesfurcht ist auch im Allgemeinen Zucht und Sitte geschwunden. Die schlimmen Folgen zeigen sich jetzt überall in so grellen Farben, lassen sich heute nicht mehr durch Schönrednerei und allgemeine Phrasen vertuschen, so daß der eine Theil wenigstens, die Schule, resp. die Lehrer offen vor der Welt eingestehen, was unserem Geschlechts abgehe und was ihm Noth thue, das sei die Religion. Anfangs dieses Monats war in Braunschweig die XXIII. allgemeine deutsche Lehrerversammlung abgehalten worden. An derselben nahmen mehr als 1000 Lehrer und Lehrerinnen aus allen Gegenden Deutschlands und Oesterreichs Theil, darunter sehr bedeutende Pädagogen. Seminardirector Dr. Credner (Bremen)sprach ausführlich über die Frage: „W iekann die Schule zur Hebung der Sittlichkeit und der socialen Wohlfahrt beitragen?" Die Schule — so ungefähr äußerte sich der Redner — habe sich im Laufe der Zeit sehr vervollkommnet. Sowohl hinsichtlich der Schul-Lokalitäten, als auch bezüglich der Lehrmittel und der Quantität und Qualität des Wissens seien wesentliche Fortschritte zu verzeichnen. Man gehe nicht zu weit, wenn man sage, daß heutzutage bisweilen ein Dorfschüler mehr Wissen besitze, als vor zwanzig Jahren ein Schüler der vornehmsten Großstadt.. Allein mit diesen erfreulichen Resultaten habe leider der Mangel an Pietät und Gehorsam, die Zunahme an Rohheit. Sittenlosigkeit, Genußsucht rc. noch mehr als gleichen Schritt nach vorwärts gehalten. Das Streben nach idealen Gütern sei auf ein Minimum herabgesunken; in der wilden Jagd nach materiellen Gütern gehe fast das ganze Streben unserer Bevölkerung auf. Wohin derartige Zustände führen, liege leider nur allzu klar vor Aller Augen. Die Classengegensätze treten immer schärfer zu Tage und der wirthschaftliche Niedergang erhalte eine immer größere Erweiterung. Man sehe also, daß es mit den Fortschritten des Wissen- und ihrer Hülfsmittel allein keineswegs gethan sei. Diejenigen Leute, deren Namen man mit Entsetzen nenne, seien weder unwissend noch unklug gewesen. Es sei dies ter beste Beweis, daß die Schule in erster Beziehung eine ethische und erziehliche Aufgabe habe und daß die Religion einen Hauptlehrgegenstand in der Schule bilden müsse. Wenn die Lehrer die ihnen anvertrauten Kinder mit psychologischer Sachkenntniß erziehen, wenn sie es als ihre Hauptaufgabe betrachten, das religiöse Gefühl in dem kindlichen Gemüthe zu wecken und zu pflegen, wenn sie die Kinder ferner auf ideale Männer verweisen, wenn die Lehrer endlich selbst bestrebt seien, den Kindern als ideales Vorbild zu dienen, dann dürfte die Schule einen wesentlichen Theil zur Hebung dr Sittlichkeit und socialen Wohlfahrt beitragen. Allerdings sei es erforderlich, daß die Familie die Schule in diesem ihrem Streben unterstütze. Solle das deutsche Volk wieder zu gesünderen