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Der Israelit · 1879-06-25 · Heft 26 (25.6.1879) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 26 (25.6.1879)
Date
1879-06-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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672 Alles nicht wahr. Und was man sagt, daß die Juden schmutzig wären, das wär' noch beinahe die größte Lüge. Accurat das Gegentheil — alle Minute thäten sie sich waschen, das hört den ganzen Tag nicht auf. Und wie zum Sabbat Alles geputzt und gerieben werden muß! Und die Lisbeth hat gesagt, einmal im Jahr, ich weiß nicht ist's zum Hamansfest oder um die Ostern, da wird bei ihnen das ganze Haus geputzt und gerieben , ein jedes Fleckchen und ein jeder Winkel. Und da geht sogar der Herr selbst am Abend mit einem Licht herum und schaut in alle Ecken, ob auch nichts vergessen ist." Die redselige gutmüthige Frau bemühte sich noch lange, die vermeintliche Änthipathie des jungen Mädchens gegen das Dienen in jüdischen Häusern durch Beispiele aus dem Leben ihrer Tochter zu entkräften. In den Nachmittagstunden kam Lisbeth wieder zu ihrer Mutter. Die Bäuerin, die für ihre junge Reisegefährtin ein aufrichtiges Interesse empfand, erkundigte sich sogleich, ob dieselbe Aussicht habe, die erwähnte Stelle zu erhalten. „Gewiß", sagte Lisbeth, „meine Madame hat sich sogar sehr gefreut. als ich ihr gesagt habe, daß ich ihr ein anständiges Mädchen für ihre Schwester wüßte. Und sie hat gesagt, ich möchte Sie noch heute zu ihr führen; denn morgen haben sie Sabbat, da könnte sie nicht mit Ihnen sprechen." Jakobine sprach ihren aufrichtigen Dank aus, und nachdem Mutter und Tochter noch ein Stündchen verplaudert hatten, forderte Letztere ihre neue Kameradin auf, sie zu der erwähnten Herrschaft zu begleiten. Das junge Mädchen war rasch bereit, doch das Herz klopfte ihr hörbar, als sie nun an der Seite ihrer neuen Bekannten die belebten Straßen der Großstadt durchschritt. „Sie brauchen sich gar nicht zu fürchten", tröstete Lisbeth, „Frau Kohn, das ist die Schwester von meiner. Madame, ist eine sehr noble und sehr freundliche Frau. Wenn Sie ihr gefallen, und ich glaube sicher Sie werden es, daun haben Sie gleich eine Stelle, und Sie werden sehen eine gute." Bald hatten sie das Haus der erwähnten Dame erreicht und Lisbeth stellte die von ihr Empfohlene vor. Das Zimmer, in dem sie empfangen wurden, war bereits sabbatllich geschmückt. Es war noch hell am Tage, aber trotzdem war der Tisch bereits gedeckt und auf demselben prangten herrliche silberne Kandelaber. Frau Kohn, die ihre Vorbereitungen zum Sabbat bereits vollendet hatte, sprach eingehend mit dem Mädchen, das sie in ihren Dienst zu nehmen beabsichtigte. „Wo haben Sie denn bisher gedient?" Jakobine, der es unendlich schwer ward, eine offenbare Lüge über ihre Lippen zu bringen, reichte ihr statt der Antwort ihr Buch. „Ah, Sie waren beinahe vier Jahre, in einem Hause, das ist jedenfalls eine Empfehlung." Jakobine erröthete über und über; es that ihr wehe, gegen die sie so wohlwollend betrachtende Dame nicht offen sein zu können; doch das war ihr unmöglich. Frau Kohn nahm ihr Erröthen für Bescheidenheit und verdoppelte ihre Freundlichkeit. Ueber den Lohn war man bald einig, das junge Mädchen war mit Allem zufrieden. Sie war auch bereit, sofort ihren Posten anzutreten. Frau Kohn wünschte es, denn es war ihr daran gelegen, am Sabbat einen Nichtjuden im Hause zu haben. „Sie haben wohl noch nie in einem jüdischen Hause gedient?" Jakobine verneinte. „Da wird Ihnen in unserm Hause Manches recht seltsam Vorkommen, doch allmählich werden Sie sich schon daran gewöhnen. Wir dürfen nämlich am Sabbat weder Licht noch Feuer anzünden und wenn es nicht sehr dringend ist, dürfen wir auch Andere nicht dazu auffördern. Es wäre mir daher sehr angenehm, wenn Sie am Sabbat recht aufmerksam sein wollten und sobald Sie merken, daß es in den Zimmern kühl wird, oder daß Nachts im Kinderzimmer das Nachtlicht erlischt und die Kinder unruhig werden — so wollen Sie Licht oder Feuer anzünden, ohne zuvor dazu aufgefordert zu werden." Jakobine versprach Alles und bemühte sich in Wirklichkeit, den Wünschen ihrer Dienstgeberin zu entsprechen. Es war ihr zwar nicht Alles so fremd wie Frau Kohn wähnte, aber unendlich eigenthümlich erschien es ihr dennoch. Ihre Lebensweise im Hause der Gräsin Waldensee, ihre hocharistokratischen Gewohnheiten standen in allzu grellem Gegensatz zu ihrer jetzigen Lage, und wenn trotzdem in dem reichen Bürgerhause, in dem anmuthig heitern Familienkreise sie so manches anheimelte , sie so manches zurückversetzte in die Tage ihrer Kindheit, die längst, namentlich aber seit dem Tode ihrer Gönnerin in ihren Augen alles Trübe und Unangenehme verloren hatte, dann empfand sie es noch seltsamer, daß sie, die als Jüdin geboren, deren eigene Mutter mit scrupolöser Gewissenhaftigkeit sämmtliche Ritualgesetze beobachtete, in einem religiös-jüdischen Hause die jüdischen Religionsgesetze überlrat. Es verursachte ihr dieses zwar durchaus keine Gewissens- Scrupel. denn ihren Uebertritt an und für sich hatte sie nie als Unrecht betrachtet, kannte sie doch

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