Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1879)
- Date
- 1879-06-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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673 nur sehr wenig von der Religion, die sie verleugnet hatte. Doch insofern, als sie ihre Mutter dadurch verletzt, hatte sie ihn als Sünde erkannt und ihn namentlich in jüngster Zeit oft und bitter bereut. O, was hätte sie darum gegeben, ihre Mutter versöhnen zu können! — wie sie sich sehnte, ihre Verzeihung zu erflehen. — Wäre ihre Mutter wie ehemals arm und verlassen und hätte sie in günstigeren Verhältnissen sich befunden, längst wäre sie zu ihr geeilt und hätte alles Mögliche aufgeboten, die Mutter zu versöhnen. Doch nach den Berichten des Neudorfer Geistlichen befand sich ihre Mutter in verhältnißmäßig günstigen Verhältnissen, lebte an der Seite eines braven Gatten, der sie liebte, in der Mitte hoffnungsvoller Kinder. Wie hätte sie in ihrer ärmlichen Lage, belastet mit dem schmählichsten Verdacht, es wagen dürfen, Unsegen bringend, dem trauten Familienkreise zu nahen! — Nein, nein, so lange ihre Unschuld nicht constatirt war, so lange es ihr nicht gelungen, eine anständige Existenz sich zu gründen, so lange mußte sie ihre Sehnsucht bezwingen, so lange betrachtete sie sich als geächtet. In dem Hause ihrer Dienstgeber gelang es ihr jedoch bald, sich Liebe und Achtung zu erringen. Unermüdlich in Erfüllung ihrer Pflichten, gewann ihr feines und dennoch ihren Verhältnissen entsprechend, bescheidenes Wesen vereint mit ihrer seltenen Schönheit, die in ihrer unscheinbaren Toilette zwar weniger auffallend, jedoch durchaus nicht weniger anziehend geworden, ihr die Herzen Aller, mit denen sie verkehrte. Aber auch sie empfand schon nach den ersten Tagen, in denen es ihr allerdings nicht ganz leicht geworden, den an sie gestellten Anforderungen zu entsprechen, eine Ruhe, eine innere Zufriedenheit, wie sie sie in ihrer jetzigen Lage nicht für möglich gehalten. j Es war ein schöner freundlicher Familienkreis, j den ihr glücklicher Stern sie hatte finden lassen. > Herr und Frau Kohn, von streng religiösem Geiste! beseelt, dabei aber heiter und gastfrei, wohlthätig bis zur Verschwendung. Betti, ihre älteste Tochter, ein hübsches, gutmüihiges Mädchen von achtzehn Jahren war einem wackeren Mann verlobt und! sollte im Laufe des kommenden Sommers die! Heimath verlassen, ihre Brüder Max und Victor,! frische blühende Knaben im Alter von neun und! fünf Jahren besuchten die Schule, der jüngste! Sprößling der Familie befand sich noch in der; Obhut seiner Amme.! Und Alle wetteiferten in Freundlichkeit gegen j das reizende Stubenmädchen, deren bestrickendes i Aeußere Jeden fesselte. Namentlich der fünfjährige Victor hatte sie in sein Kinderhcrz geschlossen und verbrachte den größten Theil seiner freien Zeit an ihrer Seite. Er hatte vor Kurzem sein Studien begonnen, vermochte mit einiger Mühe ein Paar Worte deutsch und hebräisch zu lesen und begann auch schon Buchstaben zu malen. Jakobine unterstützte ihn zuweilen bei seinen deutschen Uebungen und aus Erkenntlichkeit wollte das kleine dankbare Bürschchen sein hebräisches Wissen mit ihr theilen. „Komm Gretchen, ich will Dich beten lehren!" Sein älterer Bruder wollte ihn zurückhalten; doch der Kleine bestand darauf, sein liebes Gretchen zu unterrichten und Jakobine, der die hebräischen Buchstaben nicht fremd geworden waren, setzte die Kinder in Erstaunen durch die Raschheit, mit der sie den Unterricht des Kleinen zu verwerten verstand. Das spornte auch den größeren Knaben an, das, was er wußte, ihr mitzutheilen. Jakobine lauschte seinen Worten anfangs aus Gefälligkeit, bald aber mit stets wachsendem Interesse, denn der Kleine hatte einen Hellen, klaren Kopf, er wußte sich die Lehren und Erläuterungen seines Lehrers trefflich zu merken und geschmeichelt durch Jakobinens Aufmerksamkeit, beeilte er sich nach jeder hebräischen Unterrichtsstunde, ihr das Neuerlernte sofort mitzutheilen. Schon nach einigen Wochen hatte Jakobine eine ganz veränderte Anschauung über gar Manches, was sie ehedem theils als Aberglaube, theils als sinnloses Ceremonialgesetz betrachtet hatte. Und zu dem das ganze Leben im Kohn'schen Hause, das so vollkommen im Einklaug stand zu den Lehren, die der Kleine ihr erläuterte. — Hatte sie bisher ihren Uebertritt einzig und allein wegen des daraus resultirenden Mißverhältnisses zu ihrer Mutter beklagt, jetzt ertappte sie sich zuweilen bei dem Zweifel, ob sie denn damals auch berechtigt gewesen war, sich loszusagen von allem Dem, was doch auch ihr geboten. Es war an einem Sabbatnachmittage, Jakobine befand sich im Kinderzimmer; während der kleine Victor auf ihren Knieen thronte, stand sein älterer Bruder Max vor ihr und erklärte ihr mit feuriger Beredtsamkert, der Vater selbst hatte ihn am Vormittag darin unterrichtet, die Bedeutung und Heiligkeit der Sabbatgesetze. Eben schilderte er ihr, wie schwer derjenige sich versündige, der auch nur das anscheinend unbedeutendste dieser Gesetze übertrete, als seine älteste Schwester mit einem Briefe in der Hand in das Zimmer trat. „Wir dürfen heute Briefe nicht öffnen", sagte sie, indem sie das geschlossene Couvert derjenigen entgegenhielt, die sie als geborene Christin betrachtete. Jakobine erbleichte, ein ihr selbst unerklär-