Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1879)
- Date
- 1879-06-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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667 halten. Er übernahm es. die Zustimmung der Eltern zu erhalten, ja, er stellte sie, in Erwägung des großen Zweckes, als unzweifelhaft dar. — Der Erfolg übertraf die kühnsten Erwartungen. Kurfürst Albert, dem man die Geliebte zuführte, wurde von dieser nicht allein gegen die Reformation eingenommen, sondern auch bestimmt, auf den Kaiser einzuwirken, daß dieser der Lutherischen Bewegung keinen Borschub leiste, sondern sich als Gegner derselben erkläre*). Unterdeß wurde Rabbi Joselmann zum Kaiser entboten. Mit Sehnsucht hatte der Befehlshaber der Juden dieses Augenblickes gewartet. Seit dem Tode Kaiser Maximilians hatten alle Judenfeinde wiederum ihre Häupter erhoben. Viele der zu Worms erschienenen Bürgermeister der Reichsstädte hatten dem Kaiser Petitionen übergeben lassen, in denen um die Erlaubniß zur Austreibung der Juden gebeten wurde. Eine solche Petition hatte der regierende Bürg-rmcister von Ober-Ehnheim überreicht, und btefe hatte Kaiser Carl bereits genehmigt. Dagegen war noch kein Schutznnd Freiheitsbrief für die Juden von ihm unterzeichnet worden. Nach kannte man den Charakter des jungen Kaisers nicht. War er wankelmüthig. wortbrüchig? Sollte jene gefahrvolle Reise nach Spanien vergeblich und nutzlos gewesen sein? Lielemal hatte Rabbi Joselmann um Audienz nachgesucht und war jedesmal abgewiesen worden. Jetzt wurde er zum Kaiser gerufen; was hatte das zu bedeuten? „Joselin", sagte der Kaiser gütig zu dem Eintretenden, „ich mußte Deine Bitten um Audienz bis jetzt zurückweisen; meiner Geschäfte sind zu viele und dringende. Auch heute will ich nicht mit Dir von Judensachen reden. Ich möchte Deine Ansicht, Dein Urtheil hören über wichtige Dinge." „„Meines allergnadigsten Kaisers Vertrauen ehrt mich hoch."" Ein Diener meldete den Kurfürsten von Mainz, der mit Zittern und Zagen gekommen war, dem Kaiser seine Sinnesänderung in Bezug auf den Kirchenstreit kund zu thun. „Er mag eintreten" , sagte Carl, „er darf Zeuge unsrer Unterredung sein." Der Kurfürst begrüßte den Kaiser. *) Tic vicbe und Belehrung, welche .Unvfi'ivft Biden für Margaretha empfand, waren grenzenlos: vis sie in noch jungen fahren starb, lieg erste in einem vergoldeten Barge in der Btiflsti'che -,it A schonen bürg bei sehen, ivesnvegeu er von Turher in den hänesten Forlen geschmäht wurde, i vergleiche Luthers 2verte Thal 1 tK) —■ stnm Andenten an die genannte liest r'llbert durch Peter Bischer von Sliirnberg ein prachtvolles Tentnial in einer der Peilentapetlen der erwähnten Kirche errichten. < Bergl. Bogt, Rheiiwcbc (Geschichten nnd Bagen.i „Ah. Joselin", sagte er dann zu dem anwesenden Juden, „wie geht es Dir?" „Du kennst den Juden?" fragte der Kaiser. „Gewiß, Majestät", antwortete der Kurfürst, „ich habe ihn als einen tüchtigen, klugen und braven Mann kennen gelernt." „Das ist mir lieb", sagte Carl. „Joselin", fuhr er zu diesen gewendet zu reden fort, „ich möchte Deine Meinung hören in Bezug auf den Luther und seine Lehre. Du bist unbetheiligt und deßhalb unparteiisch. Joselin, sage mir Deine Ansicht unverholen, ohne Furcht." „Majestät", entgegnete Joselin, „nicht kann ich ein Urtheil abgeben über den Glaubensstreit, über einen Glauben, der nicht der meine ist. Wenn ich Luthern Recht gäbe, müßte ich mich da nicht zu Luthern bekennen? Und wenn ich dem Pabste Recht gäbe, müßte ich dann nicht mich zum Pabste bekennen? Und was würden Eure Majestät dazu sagen, wenn ich Beiden Unrecht geben würde?" Carl lachte. „Du bist ein feiner Kopf, Joselin," sagte er. „So will ich denn die Frage anders fassen: Was räthst Du mir, daß ich thun soll? Soll ich mich an die Spitze der Bewegung stellen und ein allgemeines Concil berufen, oder soll ich mich der Bewegung feindlich gegenüberstellen?" „„Majestät, es heißt in der heiligen Schrift: Fürchte Gott, mein Sohn und den König, und mit Anderswollenden laß Dich nicht ein. Wenn dieser Rath, sich mit Anderswollenden nicht einzulassen, jedem Unterthan gilt. um wie viel mehr dem Könige selber! Der König ist seiner Natur nach ein Erhalter des Bestehenden. Wie Euer Majestät Ahnherren stets treu an dem Ueberlieferten festgehalten, so liegt es in der Natur der Sache, daß auch Eure Majestät so verfahren. Dieser Doctor Martinus Luther will sich anmaßen, ein Jahrtausend und länger, ungeschehen zu machen? Er will aus der heiligen Schrift lehren und ist nicht eingedrungen in den Geist derselben! Er will verdunkeln die Lehre von der Freiheit des Willens — diesen Grundpfeiler der sittlichen Weltordnung! — Nein, Majestät, ich kann Euch nicht rathen, mit diesem Luthero gemeinsame Sache zu machen."" „Und was meinst Du, Albert?" „Der Jude hat mich vollständig überzeugt", antwortete der Kurfürst, froh, einen Vorwand für seine Sinnesänderung zu haben. „Ich danke Dir, Joselin", sagte der Kaiser, „ich werde Deinem Rathe Folge leisten, zumal da mein Freund Albert durch Dich ist anderes Sinnes worden. Den Juden-Schutz-Brief erlasse ich später; mir fehlt jetzt die Zeit dazu."