Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1879)
- Date
- 1879-06-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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644 Vor mehreren Wochen — sie wußte nicht, wie viele es waren — da hatte sie auch eine Nacht im Waggon verbracht. — Auch damals hatte sie sich in heftiger Erregung befunden — sie war eben den Verlockungen des Grafen entflohen und hatte den Entschluß gefaßt, sich selbst eine Zukunft zu gründen. Doch ihre damaligen Verhältnisse und Pläne — so eng begrenzt sie ihr damals erschienen — im Vergleich zu ihren jetzigen waren sie glänzend zu nennen. — So gering ihre Baarschaft gewesen, im Verein mit dem eventuellen Erlös ihrer Schmuckgegenstände hätte sie hingereicht, sie mindestens ein Jahr lang in anständiger Weise zu erhalten und inzwischen wäre es ihr doch wohl gelungen, einen ihren Gewohnheiten und ihrer Bildung entsprechenden Nahrungszweig zu erlangen, denn damals besaß sie noch einen reinen makellosen Namen. Und heute — des gemeinen Diebstahls angeklagt, war sie ihrer Haft entflohen; unter fremdem Namen als Dienstmagd verkleidet, konnte sie gegenwärtig nur hoffen, baldmöglichst, und wäre eS die niedrigste Stellung zu erhalten. — Denn ihre ganze Habe bestand aus dem einfachen Anzug, den sie trug und in den geringen Sparpfennigen des treuen Mädchens, das die Liebe, die sie ihr ehedem erwiesen, so reichlich vergolten hatte. Und wenn es ihr nun in den nächsten Tagen nicht gelingen würde, irgend einen NahrungSzweig zu finden — allein, ohne Freunde, vollständig mittellos in der großen Stadt — die sie zwar in Gesellschaft der Gräfin schon einmal besucht, die ihr in ihren gegenwärtigen Verhältnissen jedoch vollständig fremd war. — Die Noth in ihrer furchtfarsten Gestalt trat grinsend vor ihr inneres Auge — schaudernd verhüllte sie ihr Angesicht. Das schrille Pfeifen der Locomotive erweckte sie aus diesen düstern Träumen, auch ihre Reisegefährtin fuhr empor. „Du, meine Güte! wo sind wir denn? sollte denn das schon Hamburg sein?" Jakobine bestätigte ihre Vermuthung, der Wald von Häusern, der sich vor ihren Blicken erstreckte, konnte einer kleinern Stadt nicht angehören. „Na, ich bin aber froh, und was die Lisbeth nur sagen wird! — 's is man gut, daß ich kein Gepäck bei mir habe, für die Paar Tage ist's nich nöthig — da brauchen wir nun nich lange drauf zu warten. Aber Sie haben wohl Ihren Koffer bei sich?" wandte sie sich an das junge Mädchen. Diese erröthete verlegen. „Ich habe gar nichts der mir —" „Gar nichts?" fragte die Bäuerin verwundert, „ich meine, Sie wollen doch hier bleiben?" „Freilich", erwiederte Jakobine in wachsender Verlegenheit, „aber ich bin das Reisen nicht gewöhnt und bin in Hamburg ganz fremd, da habe ich mich gefürchtet, meine Sachen könnten mir gestohlen werden und habe lieber gar nichts mitgenommen — wenn ich erst eine Stelle habe, lasse ich mir Alles nachschicken." „Das haben Sie gescheidt gemacht", lobte die Bäuerin, „sehen Sie, das gefällt mir. Und jetzt soll:» Sie 'mal sehen, gleich werden Sie eine Stelle finden. Denn wenn man sich so fürchtet und meint, es wird etwas sehr schwer gehen, dann geht's justament ganz schnell und gut, aber wenn man meint, es müßte Alles glatt gehen, dann geht's erst recht schief. Wissen Sie, bei mir zu Haus, da habe ich immer einen Kasten voll mit allen möglichen Thee's, die für alle möglichen Krankheiten sind. Aber wir brauchen sie unser Lebtag nicht, wir sind Gott Lob und Dank Alle gesund. Aber einmal hat's hinein geregnet, wo der Kasten steht, da ist der Kasten naß geworden und alle Thee's sind verschimmelt. Schadet nich's, hat mein Mann gesagt, 's braucht's so kein Mensch nicht. Und in die selbige Nacht hat er so arges Grimmen bekommen, daß ich zur Nachbarin Hab' laufen müssen und von ihr Hab' Thee holen müssen. — Jemine! Da steht ja die Lisbeth schon! Lisbeth! Lisbeth!" Ein hübsches Mädchen nickte ihr vom Perron aus zu. „Mutter! Mutter!" Der Zug hielt, der Schaffner öffnete das Coup«, die Bäuerin eilte hinaus in die Arme ihrer Tochter. Jakobine hielt sich in ihrer Nähe. Nicht ohne eine Art von Neid blickte sie in die freudestrahlenden Gesichter von Mutter und Tochter, die sich noch umschlungen hielten und ohne Rücksicht auf die sie umgebende wogende Menge laut schallende Küsse wechselten. Und dann überstürzten sie einander in Bemerkungen und Fragen, ohne die Antworten darauf abzuwarten, bis die Mutter sich endlich ihrer Reisegefährtin erinnerte, und diese der Tochter vorstellte. „'s ist ein braves ordentliches Mädchen, das steht man ihm an und wir haben uns gut unterhalten mit einander die ganze Nacht, und ich habe ihm schon gesagt, Lisbeth, daß Du ihm vielleicht an die Hand gehen wirst, daß es bald eine Condition findet." Lisbeth nickte ihr freundlich zu. „Es soll mich freuen, wenn ich Ihnen helfen kann. „Wie heißen Sie denn?" „Margarethe Lenz." „Margarethe Lenz", wiederholte Lisbeth, „das