Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1879)
- Date
- 1879-06-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447822--16307-2472288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
643 Nogasen. Derselbe ist in der That als tüchtiger CDn'-pt^n bekannt, und hat ebenfalls mit einem Korbe geantwortet. „Er wolle in seinen alten Tagen nicht Breslauer werden! „DaL war der kurze Sinn seiner Antwort. Vivat sequend! Wir glauben , daß Herr Dr. Schreiber in Bonn nicht abgeneigt wäre, die Stelle, wenn sie gut dolirt wird, anzunehmen. $ e n i I l t t u n. Jakobine. E i n Lebensbild. Von Iriedrich Flott. XXXIV. Und Jakobine war nun frei! frei! — Sie hätte laut aufjauchzen mögen, trotz des Tobens der Elemente. Wonnetrunken athmete sie die rauhe scharfe Nachtluft ein, als wäre es milder duftiger Maienhauch. Frei! frei! — Alles in ihr jubelte, als sie nun in fliegender Eile die Öden menschenleeren Straßen, die zum Bahnhof führten, durchschritt — keine menschliche Seele begegnete ihr. Und nun hatte sie den Bahnhof erreicht. — Die Kasse war bereits geöffnet. Sie hatte ein Billet nach Hamburg verlangt. „Dritter Klasse?" hatte der Beamte sie gefragt, und erröthend hatte sie bejaht. — Sie hatte mit der Gräfin stets die erste Klasse benützt — der vollständige Umschwung ihrer Verhältnisse kam ihr erst in diesem Moment zum Bewußtsein. Es ward zum Einfteigen geläutet, doch der Nachtzug ward nicht stark benützt; nur wenige Passagiere eilten auf den Perron. Jakobine und eine ältere Bäuerin waren die einzigen Frauenzimmer. Das junge Mädchen hielt sich zu der älteren Frau und stieg mit ihr in dasselbe Coupe. „Das ist schon, daß Sie mit mir fahren", sagte die Bäuerin und nickte ihr freundlich zu, „bei Nacht ist's für einzelne Frauensleute nimmer heimlich. Wo reisen Sie denn hin?" „Nach Hamburg", erwiederte Jakvbine. „Nach Hamburg? das ist schon, da fahren wir ja ganz mitsammen; ich reise nämlich auch nach dorten zu meiner Tochter; die ist in Hamburg in Dienst in einem nobeln Hause schon an die acht Jahre. Zu wem reisen Sie denn? Haben Sie Anverwandte in Hamburg?" „Nein", sagte Jakobine seufzend, „ich bin dort ganz fremd." „Ah, da wollen Sie sich dort auch gewiß eine Condition suchen. Nicht? ich hab's gerachen?" Das junge Mädchen nickte bejahend, indem sie fast unwillkürlich ihr Dienstbuch hervorzog. „Na, sehen Sie, da ist's gut für Sie, daß wir uns hier getroffen haben. Sie sehen recht sauber und anständig aus, und wenn ich mit meiner Tochter rede, so macht sie sich ein Vergnügen daraus, und sagt Ihnen in Hamburg. was Sie thun sollen oder wohin Sie gehen können, um recht bald einen guten Platz zu bekommen." Jakobine dankte der freundlichen Frau, dann öffnete sie das Buch, sie mußte doch vor Allem wissen, wie sie sich zu nennen hatte. — Margarethe Lenz nannte sich die Eigenthümerin des Buches. Aber das Herz zog sich ihr krampfhaft zusammen — war sie denn in Wirklichkeit darauf hingewiesen, eine so untergeordnete Stellung zu suchen? Diese gedrückte Stimmung wich jedoch rasch, und das lang entbehrte Gefühl der Freiheit erfüllte ihre Brust auf's Neue mit frischem Jugendmuth. Mochte sie immerhin genö-higt sein, eine Zeit lang Magddienste zu verrichten, sie war frei! — frei! die ganze Welt lag vor ihr offen. — Hatte sie sich nur erst so viel erworben, eine anständige Toilette sich schaffen zu können, dann konnte sie doch vielleicht auch wieder auf eine anständige Stellung hoffen. Einstweilen jedoch versicherte sie der redseligen Frau, wie innig es sie freue, ihre Bekanntschaft gemacht zu hc.ben, und wie sehr sie sich ihrer Tochter verpflichtet fühlen werde, wenn sie ihr recht bald zu einem Posten verhelfen werde, denn ihre ganze Baarschast bestehe in drei Thalern. „Nun, davon kann man doch auch eine Zeit lang leben", meinte die Bäuerin und übrigens möge sie nur guten Muihes sein, ihre Tochter werde schon ihr Möglichstes thun, ihr einen ordentlichen Dienst zu schaffen. Die Nacht verstrich. Die Bäuerin hatte sich auf der einen Bank ausgestreckt und ihr überlautes Athmen verrieth bald, daß sie in liefen Schlaf gesunken. Jakobine lohnte in die Ecke ihr gegenüber. Auch sie hatte die Augen geschlossen, doch die mächtige Erregung, in der sie sich befand, hielt den Schlummer fern von ihren Augen, machte es ihr für die Dauer sogar unmöglich, sie geschlossen zu halten. Mit weit offenen Augen saß sie da und blickte hinaus in die dunkle, sternenlose Nacht.