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Der Israelit · 1879-06-18 · Heft 25 (18.6.1879) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 25 (18.6.1879)
Date
1879-06-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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640 Auf seinem Throne saß Kaiser Carl V. und um ihn die Wahlfürsten des Reichs; der Kurfürst, Erzbischof, ReichSerzkanzler und Cardinal Albert von Mainz, die Kurfürsten und Erzbischöfe von Cöln und Trier, der Kurfürst Ludwig, Pfalzgraf bei Rhein und die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg; nach diesen des Kaisers Bruder Erzherzog Ferdinand von Oesterreich; dann folgten 27 Herzöge von Bayern, Sachsen, Pommern und andern deutschen Landen; dann kamen Markgrafen, Landgrafen und Fürsten von Baden, Hessen und andern deutschen Landen; die Erzbischöfe von Bremen und Salzburg, 18 deutsche Bischöfe, die päbstlichen Legaten, Grafen und Ritter in großer Menge, die Deputirte« sämmtlicher Reichsstädte und die Gesandten fast aller europäischer Staaten*). In diese glänzende Versammlung trat Luther, eingeführt durch Graf Ulrich von Pappenheim, den Reichsmarschall. Ihm trat der Kurfürst von Trier entgegen und fragte ihn, ob die ihm vorgelegten Bücher von ihm verfaßt und ob er bereit fei, deren Inhalt zu widerrufen. Die erste Frage bejahte Luther; für die Beantwortung der zweiten erbat er sich Bedenkzeit, die ihm bis zum andern Tage um dieselbe Stunde gewährt wurde. Am andern Tage erklärte Luther: seine Schriften seien dreierlei Art; für's Erste, Lehrbücher, die die heilige Schrift auslegen; da sei nichts Böses darinnen; für's Zweite Zankbücher, gegen den Pabst und andere Widersacher; würde er diese widerrufen, so würde die Tyrannei und das gottlose Wesen des Pabstes und seiner Anhänger nur noch stärker; für'S Dritte seien es Disputationes über die christliche Lehre; bei diesen wolle er bleiben, ging eS darüber, wie der liebe Gott wolle. Wolle man ihn aber aus der heiligen Schrift überweisen, daß er geirret habe, so wolle er der erste sein, der seine Büchlein in'S Feuer werfe.j Darauf erhob sich der kaiserliche Sprecher und sagte: Luther habe nicht auf die Frage geantwortet; es handele sich nicht darum, über Grundsätze zu diSputiren» die schon durch die Concilien verdammt worden seien; man verlange eine einfache *) Unsere Leser wird es wohl von Interesse sein, zu erfahren, daß auch der regierende Bürgermeister von Oberehnheim, Jakob Brand, anwesend war, und daß sich der ehrsame Herr Johannes Pfefferkorn im Gefolge des Kurfürsten von Cöln befand. und schlichte Antwort, ob er widerrufen wolle oder nicht. Darauf sprach Luther die denkwürdigen Worte: „Ich werde nicht widerrufen, weil es nicht gerathen ist, etwas wider das Gewissen zu thun. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!" Der Eindruck, den Luther auf den Kaiser und die Fürsten gemacht hatte, war ein wahrhaft überwältigender. Alle Welt wartete mit der größten Spannung der Entschlüsse des Kaisers und des Kurfürsten von Mainz. Nach dem Schlüsse der öffentlichen Reichstagsverhandlung jenes denkwürdigen Tages, zog sich der Kaiser in seine Gemächer zurück. Er ging lebhaft auf und ab, mit sich selber redend, nach einem Entschlüsse ringend. Sollte er dem Rathe Huttens, Sickingens und so vieler Anderen folgen und sich an die Spitze der Bewegung stellen? Ein großer Theil der Reichsstände halte sich offen für Luther erklärt; die übrigen warteten nur auf die Zustimmung des Kaisers, um ein Gleiches zu thun. Dann wäre Deutschland eines Sinnes und er, der Kaiser, der gebietende Herr dieses großen mächtigen Landes. Aber seine spanischen Erblande? Würden die nicht sofort abfallen von dem ketzerischen König? Dort würde ein Kampf entstehen, in dem er nimmer Sieger bleiben würde. Viel leichter wäre das in sich getheilte und zerrissene Deutschland zu bezwingen, als das im Glauben einige Spanien! Aber, wenn dieser Augustiner- Mönch die Wahrheit spricht? Muß man nicht der Wahrheit alle andern Rücksichten opfern? „O, wer mir rathen könnte," sagte Carl, „aufrichtig, unparteiisch! Aber alle Welt ist Partei in diesem Streite. Doch halt, ich kenne einen, der nicht parteiisch ist, nicht parteiisch sein kann: das ist der kühne, kluge Jude, der sein Leben gewagt, der nach Spanien gekommen, um mich für die deutschen Juden günstig zu stimmen. Er ist hier; er hat mich schon vielemal um Audienz bitten lassen. Jetzt soll er kommen; ich will seine Ansicht hören in dieser wichtigen Angelegenheit." Uud der Kaiser zog eine Klingelschnur und gebot dem eintretenden Diener, dem Juden Joselin von RoSheim zu entbieten, daß er sogleich vor des Kaisers Angesicht erscheine. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilage«. Verantwortliche Redaction: Or. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchbruckerei (Mainzer Anzeiger).

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