Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1879)
- Date
- 1879-06-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XX. Jahrgang. Erste Beilage zu tlr. 24 des Israelit. Leitend e r » t * i » « I. Lin Hirtenbrief eines Aeformrabbiners. Frankfurt a. M., am 1. Siwan 5639. D. Die neueste Offcnbachiade stammt nicht von, sondern aus Offenbach, aus unserem benachbarten Offenbach nämlich. Den Text hat der dortige Rabbiner, Herr Dr. Formstecher, geliefert, wir wollen hiermit Noten dazu schreiben, und das Ganze einem größeren Publikum zugänglich machen. Der israel. Herr Seelsorger in Offenbach hat nämlich eine Allocution, eine Art Hirtenbrief, an seine Heerde gerichtet, den man, schon weil er das Datum „April 1879" an seiner Stirne trägt, leicht für einen Aprilscherz halten könnte, und der daher in's richtige Licht gesetzt zu werden allen Anspruch hat. Die Quintessenz desselben besteht in dem Vorschlag, den Schabbos-Vormittag auf den Nachmittag zu verlegen, wenigstens soweit es die Predigt betrifft. Die Gründe, welche in der genannten Bulle vorgebracht werden, sind meist sehr origineller, Zwergfell packender und erschütternder Art , zum Theil lassen sie jedoch auch eine Ergänzung und Ausstellung zu. Wir werden mit dem ganzen, der Wichtigkeit des bedeutungsschweren Aktes entsprechenden Ernste an die Prüfung der von Sr. Ehrwürden unterbreiteten Vorschläge herantreten. Für Diejenigen, welche mit den Personal- und Localverhältnissen unserer Nachbargemeinde nicht näher vertraut sind, muß noch eine allgemeine Bemerkung vorangeschickt werden. Da die israel. Gemeinde zu Offenbach nicht sehr groß ist, so mag es auffallend erscheinen, daß Herr vr. Formstecher durch das Medium der Druckerschwärze und nicht von der Kanzel herab zu seinen ungläubigen Gläubigen spricht. Aber hierin zeigt sich gerade die Menschenkenntniß des ehrwürdigen Redners. Derselbe müßte nicht drei Decennien in Offenbach gewirkt haben, wenn er nicht wissen sollte, daß das Druckpapier seine Ansprachen geduldiger annimmt, als seine Zuhörerschaft, die der Beredsamkeit ihres Seelenhirten bis jetzt so taube Ohren entgegenbrachte, daß es in der That geboten erscheint, eine Ansprache zu schreiben, statt sie zu sprechen. Nun hat die Gemeinde die Heilswahrheiten ihres Seelsorgers schwarz auf weiß in Händen, die Harthörigkeit derKanzelberedtsamkeit ihres Rabbiners gegenüber kann also nicht länger Vorhalten. Ob aber die Schwerhörigen überhaupt nun lesen werden, was sie nicht hören wollen, und ob die Ansprache, wenn sie selbst Leser finden sollte, auch auf Befolgung rechnen darf? — Wir glauben: nein; anerkennenswerth ist aber jedenfalls der Optimismus des Rabbiners, der den tobten Schriftzeichen mehr Einfluß zutraut als dem warmen, lebendigen Worte, der vom Auge erhofft, was ihm vom Ohr seiner Hörer versagt wird. Die Motive, auf Grund welcher nun die Predigt auf den Nachmittag verlegt werden soll, sind theils sachliche, theils persönliche, den Rabbiner betreffende. In naiver Bescheidenheit werden die letzteren in der Ansprache vorangestellt. — Ein langwieriges Unwohlsein verhindere den Rabbiner, der heiligen Pflicht des Predig§ns beim Morgengottesdienste zu entsprechen. Das ist der erste Grund für die Verlegung der Predigt auf den Nachmittag. Da in Offenbach der Morgengottesdienst an Sabbat- und Festtagen erst spät beginnt, so wäre es im Interesse der medicinischen Wissenschaft erwünscht gewesen, diese jedenfalls eigenartige Krankheit naher zu bezeichnen, welche am Vormittag das Predigen nicht ermöglicht, es aber Nachmittags gestattet. „Der israel. Cultus," so beginnen die allgemeinen Gründe, welche für die Nachmittagspredigt plaidiren sollen, „der israel. Cultus ruft „seine Bekenner an Sabbat-und Festtagen zwei- „mal in's Gotteshaus, Vor - und Nachmittag. „Es entspricht demnach gänzlich unfern Reli- „gionsgebräuchen, wenn die Predigt vom Mor- „gengottesdienst auf den des Nachmittags verlegt „wird. Auch kann eine solche Verlegung nicht „als eine Neuerung betrachtet werden, da mein „Amtsvorgänger, der sel. Oberrabbiner G. Metz, „vor sechzig Jahren schon seine religiösen Vor- „träge mit dem Nachmittagsgottesdienst verband. „Auch aus anderen größeren israel. Gemeinden „wird berichtet (Allgem. Ztg. des Judenth. vom „laufenden Jahre S. 186), daß dieser Nachmit- „tagsgottesdienst zeitgemäß umgestaltet würde."