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Der Israelit · 1879-06-11 · Heft 24 (11.6.1879) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 24 (11.6.1879)
Date
1879-06-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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614 Daß der Israel. CultuS, wenn er in Offenbach überhaupt noch „Schulen" oder, wie es hier heißt, in'S Gotteshaus ruft, eS nicht zweimal, sondern dreimal an jedem Sabbat und Festtag thut, wollen wir als nicht von Belang hier übergehen. Daß es aber „demnach" gänzlich unseren Religionsgebräuchen entspricht, die Predigt von Vormittag auf den Nachmittag zu verlegen, dieses „demnach" dürfte dem gewöhnlichen Laienverstande nur schwer begreiflich sein. — Aber auch dem Autor des Hirtenbriefes dürfte es schwer fallen, zu zeigen, was in aller Welt unsere Religionsgebräuche mit der Zeitbestimmung für's Predigen, ja was sie überhaupt mit der Predigt zu thun haben. Die Predigt mag ganz gut oder ganz schlecht, ganz ersprießlich oder ganz wirkungslos sein, unsere Religionsgebräuche verbieten oder erlauben sie nirgends. Der Cultus, wie er vom jüdischen Religionsgesetz geregelt ist, kennt diese moderne Errungenschaft nicht, ihm ist es also vollständig gleichgiltig, ob Vormittags oder Nachmittags, ja ob überhaupt gepredigt oder nicht gepredigt wird; denn die Predigt ist thatsächlich kein integrirender Theil des israel. Cultus. Der Herr Rabbiner hätte daher nicht nöthig gehabt, seine Autorität in so hohem Grade bloßzustellen , indem er die Zulässigkeit einer von ihm einzuführenden Neuerung durch einen Hinweis auf seinen Amtsvorgänger betont. Wie gering auch das religiöse Vertrauen sein mag, welches er von seiner Gemeinde entgegengebracht glaubt, er hätte' es gar nicht in Anspruch zu nehmen brauchen, wenn er nur der Wahrheit gemäß hervorgehoben hätte, daß die Predigt überhaupt mit dem Religionsgesetz ganz und gar nichts zu thun hat. Beruft man sich aber in einer Sache, bei der gar nichts zu berufen ist, auf ein Geschehniß, das bereits vor sechzig Jahren stattfand, so ist es geradezu unerfindlich, wie man eine solche Nachahmung eine „zeitgemäße Umgestaltung" nennen kann. Der Hinweis auf die „Allgem. Ztg. des Judenth." bezieht sich auf die Prachtmausoleen in Brüssel und Paris, in welchen man am Schabbos- Vormittag kein Minjan mehr zusammenbekommen kann, trotz aller Andachtverkürzungen und des äußeren Prunkes, mit dem die sog. Gotteshäuser dort ausgestattet sind. Man experimentirt dort mit dem Minchagottesdienst und bat in beiden Gemeinden nichts zu verlieren, wenn auch das Experiment, wie es zweifelsohne sein wird, fehlschlägt. — In Offenbach aber hätte eine solche Einrichtung noch weniger Sinn als die Ansprache, welche sie motiviren soll. Man kann aber, wenn man die Bulle erst zu Ende liest, sich nicht einmal darüber lustig machen. Die Wehmuth übermannt einen, und die Scham und der Zorn, daß unsere heiligsten Anliegen solchen Händen anvertraut sind. In der ganzen Umgegend gibt es vielleicht keine Gemeinde, in welcher die Gleichgiltigkeit gegen alles specififch Jüdische so fürchterliche Dimensionen angenommen hat, als eben in Offenbach. Es muß schon sehr schlimm dort sein, wenn sogar Herr vr. Formstecher darüber klagt. Dieser Mann hat für das positive Judenthum während seiner amtlichen Wirksamkeit gar nichts gethan, als es bekämpft und verhöhnt; für sein Pseudojudenthum hat er nichts gethan als gepredigt und wieder gepredigt, und nun wollen die Gemeindemitglieder sich nicht länger anpredigen lassen, und meiden die Synagoge, was thut man dagegen? Man schlägt eine neue Zeit zur Abhaltung von Predigten vor. Nein, die Leute von dem Schlage der Philippson, Formstecher et alia liujuswoäi sind absolut unfähig, den simpelsten Thatsachen Rechnung zu tragen, wenn sie mit ihren liebgewonnenen Stecken- Pferdchen nicht harmoniren. Wie ein eingerosteter Stockhomöopath verordnen sie für alle erdenkliche Krankheiten ein und dasselbe Mittel — die Predigt Himmel, wenn diese Leute Truppen marschiren lassen könnten, sie würden jedes Gemeindemitglied mit militärischer Escorte selig machen, indem sie die Betheiligung an der Predigt erzwangen! Hat man schon einmal so Widersinniges gehört, die Abneigung vor Predigten durch Predigten curiren zu wollen? Und was werden da nicht alles für Köder ausgesteckt, um die predigtscheuen Schafe wenigstens für eine Minchapredigt heranzuziehen! „Mancher wird Nachmittags erscheinen, der „Morgens durch häusliche oder andere Verhält- „nifse verhindert ist, und erst die Frauen, und „die Schuljugend, sie alle bedürfen eines Gottes- „dienstes. der erbauend und belehrend das ge- „sunkene Geistes- und Gemüthsleben wieder em- „porhebt, und die geeignetste Zeit ist „der Nachmittags gottesdien st an „Sabbat- und Festtagen um drei „U h r. An den hebräischen Theil des Nachmit- „taggottesdienstes soll sich eine deutsche Predigt „anschließen, mit einem deutschen Lied soll der „Gottesdienst angefangen und geschlossen werden „und — last not least — der ganze Gottesdienst soll kaum 3/4 Stunde Zeit „in Anspruch nehmen." Billiger kann man's nun wirklich nicht verlangen, aber der Offenbacher Rabbiner ist billiger als billig, er läßt noch weiter mit sich handeln.

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