Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1879)
- Date
- 1879-06-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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611 HU erringen. In einem CycluS von Leitartikeln des „Libanon" werden ähnliche Vorschläge gemacht, AM die Lage unserer armen Brüder im heiligen Lande durch Ankauf der von ihnen gefertigten Industrie-Artikeln u. drgl. zu verbessern. L. D. C. Feuilleton. Kabbi Zoselmann von Kosheim. Eine historische Erzählung. xlvii. Der Jubel der deutschen Israeliten bei der Rückkehr ihrer beiden Abgesandten aus Spanien war unbeschreiblich. „Die Spanier sind zurückgekommen, die Spanier sind wieder da und haben die besten Versprechungen vom Kaiser mitgebracht," so erzählte Einer dem Andern. Rabbi Moscheh Cohen behielt den Namen „der Spanier" und seine Nachkommen heißen noch heute so.*) Auch in außerjüdischen Kreisen erregte^ die muthvolle Wanderung der beiden Juden nach Spanien das größte Aufsehen. Man hatte in Cöln die Schriften Luthers öffentlich verbrannt, und man wußte wohl, daß die Deputation der Dominicaner an Kaiser Carl ebenso sehr gegen die Lutheraner wie gegen die Juden gerichtet war und daß diese Pläne durch Rabbi Joselmann nach beiden Seiten waren vereitelt worden. Am 20. Mai 1520 hatte Carl den spanischen Boden verlassen, um sich nach Deutschland zu begeben. Er reiste zunächst nach England zum Besuche seiner Tante, der Königin Katharina, der ersten Gemahlin König Heinrichs VUL, dann nach den Niederlanden, wo er in Vliessingen landete. Am 22. October ritt Carl in großer Pracht und mit großem Gefolge in Aachen ein, wo am folgenden Tage unter den größten Festlichkeiten die Kaiserkrönung stattfand. Auf den Dreikönigstag des Wahres 1521 wurde der erste Reichstag des jungen Kaisers nach Worms ausgeschrieben. Das ist der berühmte Reichstag zu Worms, der von so wichtigen und bedeutenden, weltgeschichtlichen Folgen sein sollte. Auch Rabbi Joselmann bereitete sich vor, auf diesem Reichstage als Befehlshaber und Regierer der gesammten Judenheit deutscher Nation neben den andern Fürsten, Herren und Reichsstän- *) Der Mannesstamm des Rabbi Moscheh Cohen ist mit David Spanier am 27. August 1876 ausgestorben; indessen hat vor wenigen Wochen ein Herr Joseph Bloch in Frankfurt a. M., dessen Ehefrau eine geborene Spanier ist, den Familiennamen „Bloch-Spanier" angenommen. — Wir verdanken diese Mittheilung der Güte des Herrn Gemeinde-Secretärs Elias Ullmann zu Frankfurt a. M. den würdig zu erscheinen. Er war nicht mehr der einfache Jude, den eine Laune Kaiser Maximilians mit einer neugeschaffenen Würde bekleidet hatte, er war nunmehr von dem jugendlichen Kaiser, voraussichtlich auf eine lange Zeit, in diesem Amte bestätigt, und von der Sonne der Herrlichkeit des mächtigen Kaisers fiel ein Strahl auf den demüthigen, bescheidenen Jaden. Als sich Rabbi Joselmann zur Reise nach Worms rüstete, klopfte es an die Thüre seiner Wohnung zu Frankfurt, und ein Mann im Gewände der Mönche des Augustiner-Ordens trat ein. „Seid Ihr Joselin, der Befehlshaber der Juden?" fragte der Mönch. „„Der bin ich,"" antwortete der Angeredete, „„und Ihr seid Martinus Luther, Doctor der Theologie und Professor an der kurfürstlichen Universität zu Wittenberg."" „Ihr kennt mich?" „„Euer Name ist in Aller Munde und die Beschreibung Eurer Person weit bekannt."" „Ich komme, Euch meinen Dank zu sagen. Ihr habt auch für meine Sache gewirkt, indem Ihr den Anschlägen der Dominicaner entgegentratet. — Joselin, ich bin ein Freund der Juden; ich habe gegen die Bedrückung und Verfolgung derselben geschrieben." „„Ich weiß es; ich habe Eure Schrift darüber gelesen und weiß Euch Dank dafür, daß Ihr von der Verfolgung meiner Brüder abmahnt; noch mehr weiß ich Euch Dank dafür, daß Ihr dazu mahnt, uns bürgerliche Handtierung zu gestatten und daß Ihr jene abscheulichen, sinnlosen Beschuldigungen, daß die Juden Christenblut brauchen, für abgeschmackte Märchen erklärt.""*) „Ihr seid ein unterrichteter Mann, Joselin, und mit Euch kann man ein vernünftiges Wort reden. Ich habe viel von Euch gehört. Ihr seid der erste und angesehenste Mann der ganzen Judenheit. Wisset, Joselin, ich habe viel darüber nachgedacht, warum Ihr Juden bei Euren Jrrthümern verharret, warum Ihr nicht längst erleuchtet seid vom wahrhaften Christenglauben. Und da scheint es mir, daß es fast kein Wunder ist. Unsre Narren, die Papisten, Bischöfe und Mönche haben bisher die Juden behandelt als wären sie Hunde und nicht Menschen. Jetzt aber soll das Christenthum gereinigt werden von allem papistischen Beiwerke und allen schändlichen Mißbräuchen. Ich gehe zurück anf den Wortlaut der heiligen Schrift. Da ist ein Boden gewonnen, der uns und Euch gemeinsam ist. Joselin, die Kraft des heiligen *) Luthers gesammelte Schriften, polemische Schriften, Band III. Vergl. auch Grätz, Geschichte der Juden, Band IX. S. 221.