Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1879)
- Date
- 1879-06-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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592 Ihr war's, als hatte die ferne Mutter den Ruf der Verzweifelnden vernommen und strecke verlangend die Arme nach ihr aus. — Doch das Kreuz an ihrer Brust — war's ein Fluch, den sie vernommen? — j Ohnmächtig brach sie zusammen.! Die Nacht verstrich, der Morgen brach an.! — In furchtbar schauerlicher Einförmigkeit schlichen die Stunden dahin. — Es war zur Mittagszeit des folgenden Tages, Jakobine lag ausgestreckt auf ihrem harten Lager, die Verzweiflung hatte ihre Kräfte erschöpft. — Sie hörte den Wärter mit den schweren Schlüsseln rasseln, die Thür drehte sich knarrend in ihren Angeln; das unglückliche Mädchen regte sich nicht — was kümmerte es sie, wenn der Mann das karge Mahl ihr brachte, sie hatte kein Verlangen nach Speise. Da vernahm sie plötzlich ihren Namen von wohlbekannter Stimme und voll Entsetzen fuhr sie empor. — Graf Waldensee stand vor ihr. „Jakobine" , sprach er mit bebender Stimme und streckte ihr die Hand entgegen. Sie sprang auf und stand hochaufgerichtet! ihm gegenüber; ihre Schwäche war wie durch! Zaubermacht gewichen. Einverächtliches Lächeln ' säuselte ihre bleichen Lippen, zornfunkelnden Blickes schaute sie auf den Elenden, der nicht im; Stande war, ihren Blick zu ertragen.! „Jakobine", wiederholte er flehend, „können! Sie mir verzeihen?"! In ihrer Brust arbeitete es mächtig, sie rang! vergebens nach Worten. „Was?" stieß sie endlich! hervor, „was soll ich Ihnen verzeihen?"! Er wagte es nicht, den flammenden Blicken! zu begegnen, sein Auge suchte den Boden. t „Sie sollen mir verzeihen", sprach er leise,! „daß ich in Verzweiflung über Ihre Flucht an j Allem zweifeln konnte —' an der Reinheit Ihrer! Engelsseele^— daß ich in wahnwitziger Verzweif-! lung den schein für Wahrheit genommen — daß j ich nicht gleich im ersten Moment es erkannt, daß! nur durch unglückseligen Jrrthum die Kleinodien | unserer Familie in Ihre Tasche sich verirrt —" „Und der Jrrthum ist bereits aufgeklärt?" — siel Jakobine jauchzend ein, „o geschwind, Herr Graf, bestätigen Sie Ihre glückverheißenden Worte und ich will Alles vergessen, ich will Sie segnen, wie ich das Andenken Ihrer Mutter segne." Er stand vor ihr, langsam hob er das Auge zu dem frohlockenden Mädchen — nie hatte er sie so schön gesehen. — Die Haft, die Verzweiflung hatten zwar die Rosen ihrer Wangen gebleicht, aber ihre Schönheit erschien dadurch wie durchgeistigt. Ihr prachtvolles blondes Haar, das ehedem in zahllosen goldenen Ringeln ihr feines Antlitz umrahmt und in natürlichen Locken über Schultern und Rücken hinabgewallt, hing jetzt in dicken schweren Zöpfen fast bis an die Knie hernieder. Wie gebannt hing des Grafen Blick an ihr, und erließ sie einige Minuten umsonst auf Antwort hoffen. Ungeduldig wiederholte sie ihre Frage. „Wozu bedarf es der Aufklärung?" erwiederte Waldensee, „wer Sie kennt, Jakobine, kann unmöglich an Ihrer Unschuld zweifeln." „Und dennoch haben Sie mich verfolgen lassen", entgegnete sie vorwurfsvoll, „haben die Richter und alle Welt an meine Schuld glauben machen." „Verzeihung! Verzeihung, Jakobine!" rief er flehend, „ich sehe ein, wie sehr ich gefehlt; aber Ihre Flucht hatte mich dem Wahnsinn nahe gebracht. — Ich sah Sie den Schloßberg hinunter eilen und durchirrte verzweiflungsvoll das Schloß — ohne daß ich meine Schritte mit Absicht dorthin gelenkt; befand ich mich plötzlich in dem Zimmer meiner seligen Mutter. — Der Secretär, in dem die Diamanten unserer Familie sich befanden, war mit fremdem Schlüssel geöffnet und die Diamanten fehlten. — Die Thür zu Ihrem Zimmer stand offen, Sie waren entflohen. — Ich war wahnsinnig, war es durch Ihre Schuld und darum müssen Sie mir verzeihen, daß ich einen Moment an Ihnen gezweifelt und in diesem Moment auf Ihre Verfolgung drang." Jakobine war leichenblaß geworden, voll Entsetzen starrte sie auf den Grafen. Sie hatte gehofft, ihre Unschuld sei bereits erwiesen und jedes seiner Worte mehrte den Schein ihrer Schuld. „Und die Diamanten?" — stammelte sie „wer hat sie aus dem Secretär genommen? — wer hat sie zu meinen Effecten gelegt?" Achselzuckend senkte er den Blick. „Und das fragen Sie mich, Jakobine? — Um diese Frage an Sie zu richten, sehen Sie mich hier. — Ich glaube ja längst nicht mehr an Ihre Schuld, bin ja fest überzeugt, daß Sie nur aus Jrrthum, oder aus Scherz — im schlimmsten Falle, daß Sie in einer Art Erregung, die Sie im Moment unzurechnungsfähig machte', sich des Schmuckes bemächtigt und sicher nicht die Absicht hatten, ihn mir für die Dauer vorzuenthalten." Das unglückliche Mädchen fühlte sich einer Ohnmacht nahe, sie mußte sich an den Tisch halten, um nicht zu sinken. „Und Sie glauben demnach, daß ich Ihre Diamanten genommen!" rief sie und rang verzweiflungsvoll die Hände. „Jakobine!" flehte er und warf sich ihr zu