Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1879)
- Date
- 1879-06-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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588 „Und dieser Perez, der Dich beherbergt und Dich bei mir eingeführt hat — in Bezug auf ihn habe ich keine letztwillige Verfügung zu respectiren. Hast Du nicht erwogen, daß Du ihn und die Seinigen in den Verdacht bringst zu juda'isiren, was nach den strengen Gesetzen dieses Landes mit dem Tode bestraft wird!" „„Wohl habe ich's erwogen, Majestät; aber ich hoffe auch für ihn Eurer Majestät Gnade zu erlangen."" „Du verlangst viel, Joselin!" „„Die Gnade des Kaisers ist unerschöpflich, unermeßlich. Warum soll sie uns Armen, Verfolgten nicht zu Theil werden, damit wir ruhig und friedlich wohnen, wie wir gewohnt haben, unter dem Schutze der Väter Eurer Kaiserlichen Majestät?"" „Kannst Du mir einen Schutzbrief zeigen, den einer meiner Vorfahren im Reiche zu Euren Gunsten erlassen?" „Majestät, ich habe einen solchen mitgebracht; er ist von Kaiser Siegesmund für die Juden im Elsaß ausgefertigt."" Carl nahm den Schutzbrief und las ihn aufmerksam durch. „Gut", sagte er dann, „ich gebe Dir mein kaiserliches Wort, daß auch ich die aiien Schutz-- briefe confirmiren werde. Auch werde ich Dich in Deiner Würde als Befehlshaber und Regierer der gesammtcn Judenheit deutscher Nation bestätigen. Aber nicht hier, sondern auf deutschem Boden*). *) Nach einev allgemein verbreiteten Sage Unterzeichnete der Kaiser den Sämpbries sofort: die Feder, mit der dies geschehen sein soll, wurde in der Familie des Rabbi Masckseh Eohen Jahrhundert lang aufbewahrt, bis sie iin Jahre 1796 bei dein durch das Bombardement der Franzosen entstandenen Brand der Frankfurter Jndengasse verloren wurde. Wir haben uns in unsrer obigen^Darstellung an die uns zu Gebote stehenden alten Handschriften gehalten, ans denen hervorgeht, das? der Kaiser den Schuybrief für die deutschen Juden erst viel später, aus deutschem Boden unterzeichnet hat. — Nach der Sage war der von den beiden deutschen Inden in Madrid als Glaubensgenosse erkannte Spanier der Hofnarr des Kaisers. Derselbe habe dem jungen Monarchen berichtet, das? es ihm gelungen sei, zwei Juden, gar seltsame Thiere mit Hörnern und Schwänzen, eiuzusangen. Der Kaiser, neugierig geworden, habe dann verlangt, die sonderbaren (Geschöpfe zu sehen. In einem sorgfältig verhüllten Räsig seien dann die beiden Juden vvr Gart gebracht worden, und dieser habe nach Gnthüllnng des .uäsigs ausgernfen: „Das sind ja Menscben ivie mirI" — „Nicht wahr, MajestätI habe schnell der Hofnarr entgegnet, „das sind Menschen wie wir, und doch verfolgt man sie wie wilde Dhiere!" —■ Betroffen von der Wahrheit dieser Entgegnung habe dam: Earl den Schuybrief unterzeichnet. — Diese Sage ist von Abraham Lendlau. Glias Ullmanu und Anderen bearbeitet worden. Hier darf ich nicht wissen, vielweniger bemelden, daß ich Dich als Juden erkannt habe; denn ich muß die Gesetze des Landes respectiren. Auch Deinem Freunde Perez soll kein Nachthell erwachsen; jedoch soll er Deiner gegen Niemanden erwähnen. Du aber, eile schleunigst von hinnen; halte Dich nicht auf, damit Dich Niemand hier erkenne oder Deine Abkunft errathe. Auf Wiedersehen in deutschen Landen!" Rabbi Joselmann verneigte sich tief und küßte den Saum des kaiserlichen Gewandes. Im Vorzimmer wartete Don Perez mit Bangen seines Freundes; er eilte mit ihm in sein Haus, wo Rabbi Moscheh Cohen und die Familie des Don Perez der Verzweiflung nahe waren. Als sie Rabbi Joselmann und Don Perez gesund und wohlbehalten erblickten, da wollte der Jubel gar kein Ende nehmen. — War das ein vergnügtes Peßachfest, das in den unterirdischen Räumen des Almilgo'schen Palastes gefeiert wurde! Rabbi Joselmann und sein Begleiter konnten sich nicht entschließen noch während des Festes die große und beschwerliche Heimreise anzutreten. Sie blieben noch volle acht Tage bei ihren Gastfreunden in Madrid, verließen aber das Haus nicht während der ganzen Zeit. Als die Deputation der Dominicaner zum zweiten Male vor Carl erschien, sagte er ihnen, daß es bei seinem ersten Bescheide sein Bewenden haben müsse; er könne über deutsche Angelegenheiten sich kein festes und endgiltiges Urtheil bilden, bis er auf deutschem Boden persönlich von allen Verhältnissen Einsicht genommen, und namentlich die in Betreff der Juden von seinen Vorfahren im Reiche erlassenen Schutzbriefe und Privilegien gelesen habe. ,, Es kann ja sein", sagte er. „daß einer meiner Vorfahren und namentlich mein geliebte Ahnherr Maximilian, Verpflichtungen für seine Nachkommen übernommen, die zu halten heilige Pflicht wäre." Als nun trotzdem die Dominicaner nicht aufhören wollten, zu bitten und in den Kaiser zu dringen, da erhob sich dieser, winkte mit der Hand und die Judenfeinde mußten sich entfernen, die Ueberzeugung mithinwegnehmend, daß auch diesmal ihr böser Anschlag mißlungen war. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Nedaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 46. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).