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Der Israelit · 1879-06-04 · Heft 23 (4.6.1879) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 23 (4.6.1879)
Date
1879-06-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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dem Tode verfallen seid, daß eS meine Pflicht ist, nach den Gesetzen dieses Landes, Euch sofort der Inquisition auszuliefern, die Euch verbrennen lassen wird?" „„Ich weiß es, Majestät."" „Und wie könnt Ihr die Kühnheit haben, vor den König von Spanien hinzutreten und zu sprechen : Hier bin ich, ein Mensch, den Ihr verbrennen lassen müßt!" „,, Eure Majestät können daraus ermessen, wie wichtig die Angelegenheit ist, die ich Eurer Majestät vorzutragen habe, da ich mein Leben für nichts achte, um vor Eurer Majestät erscheinen zu dürfen. Eure Majestät sind der mächtigste Herrscher der Welt, und vor Gottes, des Allmächtigen, heiligem Antlitze doch nur ein Mensch wie andere Menschen. Auch ich bin ein Mensch, Majestät, im Ebenbilde Gottes erschaffen, und ich soll verbrannt werden, eines schimpflichen Todes sterben, weil ich den Boden dieses Landes betreten habe, um mich meinem Kaiser und Schutzherrn, dem Vertreter des allgütigen Gottes hienieden, zu Füßen zu werfen?"" „Ich habe dieses Gesetz nicht erlassen; aber es besteht zu Recht." „„Und solche grausame Gesetze wollen unsre Feinde auch im deutschen Vaterlande Hervorrufen! Auch meinen edlen Gönner und Beschützer, meinen gütigen Kaiser Maximilian wollten sie zu so harten Maßregeln veranlassen; er aber war uns stets ein gnädiger Schirmherr."" „Du hast einen Brief von meinem Großvater an mich?" „, Hier ist er."" Carl nahm den Brief und las ihn; sein Auge ruhte mit' Wohlgefallen auf den ihm so sehr bekannten Schriflzügen. Die graublauen Augen des Kaisers, die noch eben so streng geblickt hatten, wurden feucht. „Du guter Großvater", sprach er vor sich hin, „Du hattest keinen sehnlicheren Wunsch als daß ich Dein Nachfolger werden sollte; anders als Ferdinand, der Alles aufbot, mich von der Nachfolge in Arragon auszuschließen!" „Joselin", sagte er laut, „hättest Du mir diesen Brief in Deutschland überreicht, so hätte er Dir eine gute Aufnahme bei mir gesichert. Hier in Spanien weihet er Dich dem Tode." „„So lasset mich tödten, Majestät, bestätigt aber zuvor meinen Brüdern in Deutschland ihre Rechte, Privilegien und Schutzbriefe, wie es alle deutsche Kaiser gethan haben von Carl dem Großen, bis zu Kaiser Maximilian."" „So, haben alle deutsche Kaiser diese Privilegien und Schutzbriefe genehmigt?" „„Alle, Majestät, alle; wir besitzen die sämmtlichen Privilegien und Schutzbriefe, 46 an der Zahl*); sie befinden sich im Archive der jüdischen Gemeinde zu Frankfurt am Main, ich hoffe die Ehre zu haben, sie dort Eurer Majestät vorzulegen."" „Du vergissest, daß ich Dich hier verbrennen lassen muß." „„Muß? Eure Majestät sind der höchste Herr auf Erden. Eure Majestät müssen nicht."" „Sagen wir also, daß ich Dich verbrennen lassen werde." „Wenn es Euer Majestät Wille ist — ich bin bereit, mein Leben hinzugeben, wenn nur meine Brüder im Vaterlande gerettet werden." „Warum hast Du nicht gewartet mit der Uebergabe dieses Briefes, bis ich nach Deutschland komme? Schon im Mai werde ich Spanien verlassen und noch in diesem Jahre einen Reichstag in Worms abhalten." „„Majestät, unsre Feinde sind thätig und eifrig. Man erzählte uns, die Dominicaner von Cöln würden eine Deputation an Eure Majestät hierhersenden, um Eurer Majestät das Versprechen abzuringen, die Inquisition nach spanischem Muster in Deutschland einzuführen. Da galt es, ihnen zuvorzukommen, und ich, ich habe mein Leben gern eingesetzt, um Noth und Elend von Hunderttausenden meiner Brüder und Verwandten abzuwenden." " Der Kaiser sah den Juden scharf und durchdringend an. „Mann", sprach er, „sage mir die Wahrheit. Fürchtest Du wirklich, daß ich Dich dem Henker überliefern werde?" „„Nein, Majestät, ich fürchte das nicht. Als meine Brüder und Freunde mich von der Reise nach Spanien abhalten wollten, da sprach ich: Ist es nicht ein göttlich, heilig Gebot, der letzwilligen Verfügung eines theuren Verwandten nachzukommen? Und meint Ihr, unser erhabener Kaiser Carl, der Enkel unseres geliebten Beschützers Maximilian, werde mich nicht, dem Wunsche des theuren Großvaters entsprechend, in der Würde, die mir dieser ertheilte, bestätigen? Nein, sagte ich, wenn es mir nur gelingt, meines erhabenen Kaisers Angesicht zu erschauen und ihm dieses kostbare Schreiben zu übergeben, so wird Alles gut sein, und weder ich noch Ihr — wir Alle haben nichts mehr zu fürchten." *) Rabbi Ioselmaim's eigene Aborte in feinem Lagebuche. Tiefe kaiserlichen Schutzbriefe find wahrscheinlich bei dem großen Brande der Frankfurter Judenstadl im Jahre 1719 ein Raub der Flammen geworden.

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