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Der Israelit · 1879-05-27 · Heft 22 (27.5.1879) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 22 (27.5.1879)
Date
1879-05-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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567 „Er stellte es mir nur anheim. ein anderes Zimmer zu beziehen, wenn die Nähe der Leiche mir unheimlich werden sollte." „Sie aber überwanden Ihre gewöhnliche Scheu vor Leichen, weil in der Nähe der gräflichen die Diamanten sich befanden." Alles Blut wich aus dem Antlitz des unglücklichen Mädchens. „Ich sehe ein", stammelte sie, „der Schein ist gegen mich — und dennoch" fügte sie betheuernd hinzu, „ich bin unschuldig — ich bin unschuldig! —" „Und Sie sind in Wirklichkeit so verblendet, uns Ihre Unschuld glauben machen zu wollen? — uns glauben machen zu »ollen, daß ein Anderer als Sie die Diamanten, die sich in dem verschlossenen Secretär befanden. von da herausgenommen und in Ihre Tasche gegeben habe? Können Sie uns Jemanden nennen, der das hätte thun können?" Sie sann einige Augenblicke nach, dann schüttelte sie verzweiflungsvoll das Haupt. „Ich wüßte keinen, der das hätte thun können, keinen, der auch nur ein Interesse daran gehabt haben könnte, es zu thun — trotzdem muß es Jemand gelhan haben." „Freilich muß es Jemand gelhan haben", stimmte der Richter spöttelnd bei, „ganz allein sind die Juwelen nicht in Ihre Tasche gegangen. Aber ich denke, wir haben diesen Jemand wohl nicht mehr zu suchen." „Ick bin unschuldig!" rief Jakobine in ein wildes Schluchzen ausbrechend. „wenn ich Kostbarkeiten mir hätte aneignen wollen, die Gelegenheit dazu hätte mir nicht gefehlt. Die verstorbene Gräfin hat mir oft genug den Schlüssel des Secretairs anvertraut." „Dadurch waren Sie auch so vertraut mit dem Inhalt und der Einrichtung desselben. Aber es ist wahr, auch der Herr Graf hat es erwähnt, die verstorbene Gräfin hatte vollkommenes Vertrauen zu Ihnen und war Ihnen sehr gewogen. ES war Ihnen auch bekannt, daß dieselbe die Absicht hatte, ein nicht unbedeutendes Capital Ihnen zu vermachen und diese Aussicht mag wesentlich dazu beigetragen haben, während Lebzeiten der Gräfin Ihrer Sehnsucht nach Kostbarkeiten Zügel anzulegen. Doch als der plötzliche Tod der Gräfin Sie dieser Aussicht beraubte, da benutzten Sie die momentane Abwesenheit des Grafen, sich der Diamanten zu bemächtigen und mit Zurücklassung Ihrer sämmtlichen Garderobe machten Sie sich aus dem Staube. Sie hatten vermuthlich keine Ahnung, daß der Graf bereits zurückgekehrt, doch als er Sie von seinem Fenster aus mit der Reisetasche in der Hand den Schloßberg! hinuntereilen und sich der Straße zur Bahnstation! zuwenden sah, da erwachte sofort sein Verdacht.! Und als er bald darauf in das Zimmer seiner! verstorbenen Mutter trat, da fand er den Secre-? tair durch einen fremden Schlüssel, der noch im j Schlosse steckte, aufgesperrt, und die Diamanten! fehlten. Er vermuthete sofort, wo sie sich befanden — und der Herr Commissär fand die Bermuthung des Herrn Grafen nur allzubald bestätigt." Mit weit aufgerissenea Augen starrte die Unglückliche den Redenden an, der ihr mit solch entsetzlicher Glaubwürdigkeit den Frevel vorhielt, den sie begangen haben sollte. Aber in ihr erwachte plötzlich ein Verdacht. „Wenn Graf Waldensee die Vermuthuug ausgesprochen hat, daß die Diamanten in meiner Tasche, so muß er sie selbst hineingelegt haben." „Wahren Sie Ihre Zunge" herrschte der Richter sie an. „worauf gründet sich Ihre infame Anklage und wodurch wollen Sie sie beweisen? Hatte denn Graf Waldensee Zutritt zu Ihrem Zimmer?" „Herr Justizrath!" rief sie empört. „Nun, nun, nun, wer'S mit fremden Diamanten nicht genau nimmt, sollte der's mit der eigenen Ehre denn gar so strenge nehmen?" Das unglückliche Mädchen war keiner Antwort fähig, laut weinend barg sie das Antlitz in den Händen. — Der Commissär empfand inniges Mitleid mit der Verzweifelnden; so sehr ihre Schuld erwiesen schien, er hätte so gerne an derselben gezweifelt. „Wenn Sie Näheres über Ihre Familie angeben würden", sprach er freundlich, „so würden Sie möglicherweise dadurch den Schein Ihrer Schuld einigermaßen entkräften." Sie schüttelte heftig abwehrend das Haupt. „Bevor meine Unschuld erwiesen ist, mache ich keine Angaben über meine Familie." Sie ward wieder zurück in ihre Zelle geführt und war nun allein, ganz allein mit ihrer an Wahnsinn grenzenden Verzweiflung. Nur ein Gedanke gewährte ihr eine Art von Trost. Trotz der wiederholten Versicherung des sie verhörenden Richters, daß ihr Schweigen ihre Lage verschlimmern werde, hatte sie sich nicht verleiten lassen, ihre Familie oder auch nur ihren Geburtsort zu nennen. Doch auch das Bewußtsein ihrer Unschuld hielt sie aufrecht. „Besser unschuldig leiden als schuldig" flüsterte sie sich selbst ermuthigend. — Unschuldig — freilich war sie unschuldig — sie war schuldlos an dem ihr zur Last gelegten Diebstahl und auch durch die Verlockungen des Grafen hatte sie sich nicht bethören lassen, obgleich, namentlich im Anfänge, der sie bewundernde

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