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Der Israelit · 1879-05-27 · Heft 22 (27.5.1879) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 22 (27.5.1879)
Date
1879-05-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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568 Cavalier ihr nichts weniger als gleichgiltig gewesen war. — Aber unschuldig — unschuldig — regte sich in ihrem Herzen keine Selbstanklage? — war sie sich in Wirklichkeit keines Fehls bewußt, wodurch sie diese schwere Prüfung wohl verdient haben mochte? Der Tag verstrich. — Bleiern schleichen die Minuten dem Unglücklichen dahin, sie werden ihm zu Stunden — zu Tagen — In des Kerkerdüsterer Nacht schwindet das Vertrauen an die eigene Macht — und wo das Vertrauen zum Höchsten fehlet, da erfaßt wilde Verzweiflung das zagende Herz. In namenloser Qual wand sich das unglückliche Mädchen. — Sie hatte keine Antwort auf des Wärters Frage, ob ihr die Kost der Anstalt genüge oder ob sie bessere zahlen könne und wünsche. — Was kümmerte es sie, durch welche Speisen sie ihr Leben fristete, wenn sie der Freiheit beraubt, unter schmählichem Verdacht in elender Zelle, unfähig, ihre Unschuld zu beweisen oder auch nur sich selbst zu erklären, in welcher Weise das entwendete Gut in ihre Hände gerathen. Daß der Graf selbst die Hand im Spiele habe, deß hielt sie sich allerdings überzeugt, wie hätte er ohne dies die Vern.uthung aussprechen können, daß es sich in ihrer Tasche befinde. Und überdies hatte auch kein Anderer den Schlüssel zum Secretär der Verstorbenen — denn daß derselbe durch einen fremden Schlüssel geöffnet sein sollte, erschien ihr unglaublich. — Aber wie konnte sie ihre Vermuthung beweisen? — auch nur möglich erscheinen lassen? hatte sie doch zugeben müssen, daß sie selbst ihre Effecten in die leere Tasche geräumt und sie nicht aus Händen gelassen, bis der Commissär sie ihr entrissen. Sie sann und sann und konnte es nicht ergründen. Oft wähnte sie, es äffe sie ein Hirngespinnst, ein Fantasiegebilde, doch ihre trostlose Umgebung machte es ihr nur allzuleicht, die Wirklichkeit zu constatiren. Der Tag verstrich, Dämmerung brach früh herein. Durch die kleinen Scheiben des niedern Fensters stahlen sich selbst zur Mittagszeit nur wenige Sonnenstrahlen, bald war es in der Zelle vollständig finster, nur auf die dem Fenster gegenüberliegende Wand fiel ein matter Lichtschein, er mußte wohl von dem gegenüberliegenden Hause herüberstrahlen. Fast unwillkürlich erhob sich Jakobine und trat zum Fenster. Während des ganzen verflossenen Tages war es ihr nicht in den Sinn gekommen, hinüberzuschauen; doch im Finstern wird Einsamkeit doppelt zur Qual. Sie hauchte an die halbblinden Scheiben und rieb sie mit ihrem Tuche bis sie glänzten und der Schimmer von drüben nun hell und leuchtend in ihre dunkle Zelle fiel. Ohne sich ihrer Absicht klar bewußt zu sein, zog sie ihr Lorgnon das sie in Waldensee, der herrlichen Fernsicht wegen, stets bei sich getragen hatte, hervor und nun war es ihr ein Leichtes, in das Zimmer zu schauen, von wo her der freundliche Schimmer zu ihr drang. ES war ein traulich anmuthiger Kreis, auf den sie blickte. Das Zimmer, außerordentlich einfach möblirt. mit weißgetünchten Wänden, hatte trotzdem eine Art festliches Ansehen, denn außer der einfachen aber hellleuchtenden Petroleumlampe, die von der Mitte des Plafonds herniederhing, strahlten auf dem darunter befindlichen weißgedeckten Tische in Messingleuchtern zwei brennende Kerzen, und um dem Tisch befand sich die Familie in offenbar heiterster Unterhaltung beim Abendbrod. Trotz der strengen Kälte. die draußen herrschte, mußte es drüben recht behaglich und warm sein; Jakobine sah das Feuer'im Ofen flackern und der Mann. der den obersten Platz am Tische einnahm, hatte den Rock abgelegt und saß nun in schwarzer Weste und blendendweißen Händärmeln. ES war ein frischer kräftiger Mann in den besten Jahren, sein dunkelcs Kraushaar von einer buntgestickten Hauskappe bedeckt. Unwillkürlich mußte Jakobine ihres Onkels gedenken, dem der Mann da drüben zwar durch, aus nicht glich, den sie aber in ihren Kinderjahren so oft in ähnlichem Costüm gesehen. Was waren das für frohe glückliche Stunden gewesen, wenn Onkel Benjamin sie auf seinen Knieen geschaukelt und sie Nüsse und Bonbons in seinen Taschen gesucht. . Und die zarte bleiche Frau, die an den kräftigen Mann sich lehnte und mit glücklichem Lächeln bald zu ihm empor schaute, bald auf die frischen blühenden Kinder, die lachend und schäkernd nicht einmal beim Mahle dm kindlichen Uebermuth zu zügeln vermochten! Jakobine preßte die Hand auf das Herz — wohl hatte sie ihre Mutter nie glücklich lächeln gesehen — aber jene bleiche Frau — sie glich ihrer Mutter — wenn sie es wäre?! Mutter! Mutter!" — sie schrie laut auf und streckte verlangend die Arme aus — doch ungehört verhallte ihr Schrei. „Mutter! Mutter!" Wie sinnlos wiederholte sie unaufhörlich den Ruf. rüttelte wie wahnsinnig an das Fenster und wollte eS öffnen — umsonst, ein eiserner Sperrhaken machte es unmöglich. (Fortsetzung folgt.)

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