Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1879)
- Date
- 1879-05-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447819--16229-2472207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
564 Er stutzte, als er hörte, daß man die Glaubeuseinheit als Vorbedingung der monarchischen Allgewalt darstellte. „Gut," sprach er, „ich will mir's überlegen. Kommt morgen wieder." Im Gefolge des Monarchen befand sich auch Don Perez del Almilgo, der daS Amt eines eavaliore svrvants bei des Königs Person bekleidete. Als Don Perez den jungen Kaiser so reden hörte, erzitterte sein Herz in seinem Busen, und er beschloß, sobald als möglich, seinem Gastfreunde eine Audienz zu verschaffen. Als Carl stch ln fern Cablnrl zurückgezogen hatte, trat Don Perez vor ihn hin und sprach: „Majestät, ein Edelmann aus Deutschland, der kürzlich hier angelangt ist, hat mich ersucht, Eurer Majestät eine Bitte vorzutragen." „„Rede!"" „Derselbe wünscht Eurer Majestät eigenhändig einen Brief zu übergeben, den der hochselige deutsche Kaiser, Euer Majestät erhabener Großvater, an Eure Majestät gerichtet hat." „„Was, ein Brief von Vater Max, und der mir erst jetzt übergeben werden soll! Das klingt ja ganz räthselhaft. Ist der Brief verschlossen?"" „Nein, Majestät, der Brief ist offen. Er ist mit des verewigten Kaisers Namenszug unterzeichnet und mit dessen Siegelringe unterstegelt." „„Kennst Du den Inhalt des Schreibens?"" „Nein, Majestät. Da der Brief in deutscher Sprache abgefaßt ist, so konnte ich den Sinn der Schriftzüge nicht enträthseln. Carl verfiel in tiefes Nachdenken. Von allen seinen Verwandten war es Kaiser Maximilian gewesen, den er am meisten geliebt hatte, umsomehr, da sein Großvater mütterlicherseits, Ferdinand, der Katholische, ihm ein Feind und Gegner gewesen war, derart, daß er sich noch in seinen späten Jahren, nach dem Tode Jsabella's, mit einer jungen Prinzessin vermählt hatte, um durch etwaige, noch zu erzielende Nachkommenschaft, seinem Enkel Carl die Nachfolge im Königreiche Arragon zu entziehen. — Was konnte dieser posthume Brief entfalten? Gewiß betraf er ein Heirathsproject. Es hatte von jeher zu den Lieblingsneigungen des alten Kaisers gehört, Heirathen zu arrangiren, und er hatte das mit großem Glück und Geschick vollbracht; nur bei Carl war es ihm noch nicht gelungen. Fünfmal hatte er reiche Erbtöchter für diesen seinen Enkel ausgesucht, Prinzessinen, die möglicher Weise reiche Provinzen oder gar ein Königreich (England) ihm hätten zubringcn können — darunter die einzige Tochter Königs Ludwigs XII. von Frankreich und die Erbtochter Heinrichs VIII. von England (die spätere Königin Maria von England, die Carls Schwiegertochter wurde, indem sie den viel jüngern Philipp II., Carls Sohn heirathete). Aber alle diese Projekte hatten sich zerschlagen, und Carl war noch unvermählt; er dachte aber schon damals daran, sich mit der schönen, anmuthigen Infantin Jsabella von Portugal zu vermählen, eine Heirath die erst sechs Jahre später vollzogen wurde. Carl war voll Pietät für die Wünsche seines Großvaters. Er beschloß, jenen Edelmann, von dem Don Perez sprach, in geheimer Audienz zu empfangen. „Wie heißt der Ueberbringer dieses Briefes?" fragte er. „ „Don Joselin von Rosheim." " „Gut, gehe hin und rufe ihn. Sage ihm. er solle sogleich kommen; ich bin begierig, den Brief meines Großvaters zu lesen." Don Perez eilte nach Hanse. „Don Joselin," sagte er, „Ihr sollt eilig vor dem König erscheinen. O, gebe Gott Euch Gnade vor dem hohen Herrn. Ihr findet ihn nicht in günstiger Stimmung für die Juden. Deutsche Dominikaner waren bei ihm und haben ihn angefleht, die Inquisition in Deutschland einzuführen gegen die Ketzer und gegen die Juden! Rabbi Joselmann erzitterte, als er das hörte. Er fühlte, der wichtigste Moment seines Lebens war gekommen. Wie konnte er vor den von den Dominicanern gegen die Juden eingenommenen Kaiser treten, er, nach dem grausamen spanischen Gesetze ein dem Tode Verfallener? „Und der Kaiser?" fragte er. „ „Der Kaiser hat versprochen, ihnen morgen Antwort zu sagen." " „ „O, da ist es höchste Zeit, daß ich unter göttlichem Beistände Gnade erlange für mich und meine Brüder!" „ „Don Joselin, seid vorsichtig, auch mein und der Meinigen Leben ist in Gefahr." „Fürchtet nicht, Don Perez. Der Gott, der Daniel aus der Löwengrube und Chananja, Mischaäl und Asarjah unversehrt aus dem glühenden Kalkofen hat hervorgehen lassen, Er wird auch uns erretten." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. i'evatitrüoi'tlü c .’u'bactictt: Dr. Lehmann in Main;. — Verlag und <'Tt>cbtiio:i j>eö .. giere Gleiche 45. I. <?ottsleben's Buchdruckerei (Maimer r'Uueioer>.