Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1879)
- Date
- 1879-05-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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563 deshalb verhandelt worden, und wenn uns auch der Ausgang dieser Verhandlungen nicht officiell bekannt ist / so braucht man nur die ganze Vergangenheit des Herrn vr. I. zu kennen, ja man braucht nur einen einzigen Bortrag des gefeierten Kanzelredners gehört zu haben, um die sichere Ueberzeugung zu erlangen, daß auch er nicht der Mann ist, um „Rabbiner für Alles" auszustellen. Sehr interessant und instructiv zur Würdigung der ganzen Misere, ist eine von hier datirte Correspondenz im Leiborgane der durch diese Vorgänge so schwer comprimittirtenJuste-Milieu-Partei. In dieser sehr gewundenen und diplomatisch gedrechselten Correspondenz, wird zunächst von der Schwierigkeit gesprochen, die für den Verstorbenen darin bestand, als Nachfolger Frankels zu wirken, wie es aber dem Verblichenen dennoch gelungen sei durch sein rü ck si ch t s v o ll es Benehmen seinen Collegen gegenüber sich in den Geist des Seminars so hineinzuftnden, daß keine Abweichung von den bisher maßgebenden Bestrebungen und Intentionen stattfand. Sein Körper sei aber zu schwach gewesen, um die Anstrengungen dieses Amtes auszuhalten. (Siehe den Schluß in der zweiten Beilage.) Feuilleton. Aabbi Zoselmann von Aosheim. Eine historische Erzählung. XLV. In seinem Palaste zu Madrid saß Kaiser Carl Y„ ein Jüngling von 19 Jahren, auf dessen Haupt sich die höchsten Ehren der Welt gehäuft hatten. Aber dieser Jüngling war schon in jungen Jahren ein ganzer Mann. Sein ehemaliger Gouverneur, der Herzog von Chievres, hatte ihn mit großer Strenge erzogen. Carl war von Natur flüchtig und unruhig im höchsten Grade. Als er einst, als achtjähriger Knabe, von dem berümten Maler Lucas Kranach für seinen Großvater portraitirt werden sollte, war es kaum möglich , ihn dahin zu bringen, auch nur einen Augenblick still zu sitzen. Aber sein Erzieher verstand es, den Prinzen schon früh für den Ernst seines hohen Berufes vorzubereiten und alle Leidenschaften seiner Seele dem Wunsche unterzuordnen, dereinst seinen Regentenpflichten genügen zu können. Dadurch wurde Carl so ruhig und bedächtig, wie nur ein Mensch es sein kann. In dieser Beziehung war er das gerade Gegentheil seines Borfahren auf dem deutschen Kaiserthrone. Bei Max jagten sich die Pläne und Entwürfe, die meistens dann nicht zur Ausführung kamen; Carl dagegen war stets gelassen, langsam, bedächtig; er kann nicht lange genug zusehen und warten; aber wenn er dann handelt, so ist er seiner Sache gewiß, hat alle Fälle überdacht und überwacht, so daß ihm der Erfolg nicht entgehen kann. Max war der Mann der schwärmerischen, weit über das mögliche Ziel hinaus fliegenden Einbildungskraft Carl ist der Mann des kalten, ruhigen Weltverstandes, der vorsichtigsten Staatsklugheit. Carl saß im Audienzsaale auf seinem Throne. Vor ihm war eine Deputation der Dominicaner aus Cöln erschienen, um den neuen Kaiser zu beglückwünschen , und ihn zu bitten, sein mächtiges Fürwort beim Pabste einzulegen, daß die Jnqusition nach spanischem Muster auch in Deutschland eingeführt werde, damit, wie in Spanien, auch dort die Glaubenseinheit herrsche und Ketzer und Juden keinen Raum mehr fänden, die Ketzer verbrannt, die Juden aber ausgewiesen würden. Die deutschen Dominicaner waren von den höchsten Würdenträgern der spanischen Kirche beim Kaiser eingeführt, ihr Gesuch war von diesen auf das Wärmste befürwortet worden. Die Deutschen wie die Spanier hielten wohlgesetzte Reden, flehten den Kaiser an und bestürmten den Jüngling, verhießen ihm des Himmels Seligkeit und alle Schätze t er Erde. Schon war Carl im Begriff, eine bindende Zusage zu geben, als die ihm so sorgfältig anerzogene Bedächtigkeit und Ueberlegung die Oberhand erlangte. Er könne, sagte er, noch kein Versprechen geben; er müsse erst aus eigener Anschauung die Verhältnisse in Deutschland kennen lernen und prüfen. Was für Spanien gut sei, brauche deßhalb noch nicht für Deutschland das Geeignete zu sein. Aber die Dominicaner drangen nur heftiger in ihn. Die Kirche, sagten sie, sei nur eine, dieselbe für Spanier, Italiener, Gallier und Germanen; in dieser Beziehung müsse der Kaiser eine einheitliche Gesetzgebung einführen. ,Wie in Spanien kein Jude den Boden des Landes betreten dürfe, ohne dem gewaltsamen Tode zu verfallen, so müsse es auch in Deutschland kommen. Dann würde Deutschland seinem Kaiser gehorchen, wie Spanien seinem Könige. Es war das Ideal Carls V., die Macht der deutschen Fürsten zu brechen, die Kaiserkrone zu einer erblichen zu machen und, wie in Spanien, das absolute Regiment in Deutschland einzuführen.