Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1879)
- Date
- 1879-05-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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560 der gesunde Verstand muß uns sagen, daß jede Vorstellung falsch, daß sie die Gottheit beschränkt und begrenzt. Mögen die Erscheinungen der Himmelssterne noch so großartig und wunderbar, mag das Meer mit seinen Geheimnissen und Wundern und vielgestaltigem Thierleben noch so staunenerregend. mag die Erde mit ihren Kräften uns von Tag zu Tag mehr zur Bewunderung Hinreißen, und mag unser Wissen und Können immer reicher und großartiger sein: so ist das Alles zusammen genommen gewiß noch kein hinreichender Grund, daß wir das Alles nicht als Wirkung Gottes auffassen , daß wir die tausendfachen Wunder der Welt als für sich bestehende Existenzen betrachten, welche unabhängig seien von einer sie bewegenden, höheren Macht; das Alles ist doch noch nicht hinreichend, uns zu vergöttern, uns für unabhängig, uns als die Macht und die Vernunft zu halten, in uns die Verkörperung der obersten Wahrheit zu sehen. Für uns Juden lautet daher ein anderes aus den ersten resultirendcs Gebot: Gott als Schöpfer der Welt anzuerkennen. Wer über die Welt ein höheres Wesen setzt, der muß auch diese Wahrheit ganz bekennen, kann Gott nur als Schöpfer und als Lenker und Leiter dieser Schöpfung auch noch heute und für alle Zukunft betrachten. Wer eine andere Vorstellung darüber hat, hat auch die oberste Wahrheit nicht richtig und ganz erfaßt, bekennt sich nicht zur vollen Coniequenz derselben. Darum müssen wir den Tag der Vollendung der Schöpfung auszeichnen vor allen anderen Tagen und als Zeichen dieser Vollendung ruhen von aller Arbeit. Mit wenigen Worten hat Gott uns in den nroin mpy die Wahrheit so nahe gelegt mit allen ihren Consequenzen, und dabei in so einfacher, schlichter Weise, die eben zeigt, die Wahrheit bedarf nicht der Phrase, nicht einer weiten Erklärung, sie spricht eben für sich selbst. Möchten wir Alle im Leben in leichter Weise immer die Wahrheit finden! Aeitongsnachrrchten und Correfporrbenzen. Deutschland. Mninz, den 26. Mai. Einen ausführlichen Bericht über die beute stattgehable Einweihung der ncuerbauten Synagoge der isr. Religionsgcsellschaft dahier halten wir uns für die nächste Nummer vor. Frankfurt N. M. Dem cinunddreißigstcn Bericht des israelitischen Fraucu-Bercins in Frankfurt am Main entnehmen wir: Auch in dem verflossenen Jahre hiben alle, die dazu berufen sind, die Damen des Borstandes, die Hausmutter, die Lehrerinnen und Lehrer unseres Vereins zusammen gewirkt, um das Beste der unter unserer Obhut stehenden Waisenkinder zu fördern. Gar mannigfache Ausgaben sind in unserm Waisenhause bei seiner cigeuthümlichen Organisation zu lösen. Elternhaus und Heimath soll unsere Anstalt den Waisenkindern ersetzen Zugleich ist sie ihnen die Schule, in der sie sich die nöthigen Elcmentarkenntnisse anzueiguen und sich in weiblichen Handarbeiten auszu bilden haben Endlich ist sie auch die Stätte, in der sie zu allen Dienstleistungen uub Arbeiten in der Wirthschaft, in Haus und Küche angeleitet und durch Uebnng geschickt gemacht werden. Diese vielseitige Aufgabe wirb noch durch die große Verschiedenheit des Alters und der natürlichen Begabung der Zöglinge erschwert, die überall zu individueller Behandlung drängt. Eine theoretische Anweisung zur Lösung einer solchen Aufgabe kann nicht gegeben werden, am wenigsten von denen, die sie selbst mit Glück vollziehen; denn die Thätigkeit des geborenen Erziehers gleicht darin der Thätigkcit des wahren Dichters, daß sie in ihrem wirksamsten Kerne unbewußt geübt wird Praktisch aber wird die Aufgabe in unserer Anstalt befriedigend gelöst ■ Wer nun theilnchmcnd die daraus gerichtete Thätigkcit verfolgt, kommt zur Uebcrzcugung, daß sic in dieser Art, mit dieser Unermüdlichkeit und Alles beachtenten Sorgfalt und mit dieser sichern Wirkung in einem Müdchcnwaisenhause von einer männlichen Leitung nichr geübt werden könnte. Hier, in der Leitung solcher Anstalten, bietet sich ein Wirkungskreis, der ausschließlich einer einsichtigen Erzieherin Vorbehalten bleiben muß. Daß daneben, schon wegen der zu vermeidenden Einseitigkeit , für einzelne Diseipline die Mitwirkung von Lehrern erwünscht und sogar erforderlich ist, liegt nahe. — Bon anregendem Einfluß erweist sich bei uns auch die von den Damen des Vorstandes regelmäßig in herzlicher Theilnahme für unsere Zöglinge geübte Jnspection. Die Außenstehenden sprechen wohl von der mannigfachen und dankenswerthcn Mühewaltung des Vorstandes. Nicht zu nnterschätzeu ist jedoch der Werth einer solchen Thätigkeit nach einer andern Seite hin, in ihrer Wirkung nämlich auf diejenigen, die sic ausübcn. Wem es gegeben ist. in rechter Weise sich an Werken der Wohlthätigkeit zu betheiligcn, empfängt nicht selten mehr, als er zu geben vermag. Im Laufe des Jahres 1676 waren in unserer Anstalt 26 Waifcnmädchen, davon sind drei ausgetreten, die alle hier in achtbaren Familien gute Stellen gcfnndcn haben. Die leeren Plätze wurden bald wieder besetzt. Die Einnahmen bctraaen 61256 Mk, die Ausgaben 16700 Mk.