Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1879)
- Date
- 1879-05-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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559 % ringen und emporkämpfen znr höchsten, vollkommensten Stufe, die der Mensch überhaupt erreichen kann; daß sie selbst die Wahrheit suchen und finden und sie dann richtig zu schätzen lernen. Nur daun, wenn wir selbst sie gefunden, werden wir fest an ihr halten, unerschütterlich fest von ihr durchdrungen sein und unsere Menschenaufgabe begreifen. Wenn nun Gott sich unserem Volke am Sinai selbst offenbarte, so girg doch diesem Acte die Anerkennung Gottes durch unsere Stammväter Jahrhunderte voraus. Auch unter dem harten Sclavenjoche Egyptens hat es fest daran gehalten, sich dort als besonderes Volk durch seine Gottescrkenntniß von den Egyptern abgesondert. Die oberste Wahrheit hatte eZ also schon lange, und deshalb hatte Gott nicht nöthig, sich ihm erst als Schöpfer des Himmels und der Erde zu erkennen zu geben, sondern nur als seinen Gott, der es aus Mizrajim geführt. Gott zeigte ibm nur, daß Er es beschützt und befreit hatte, bestätigte durch diese Befreiung die vom jüd. Volke erkannte Wahrheit; Er zeigte ihm, daß Er nicht bloß im Himmel throne, fern von den Menschen, sondern mitten unter ihnen weile, und daß der Menschen Geschick von der göttlichen Vorsehung überwacht werde. So lernte es durch die Jahrtausende diese Vorsehung erkennen in allen seinen vielfachen Schicksalen, und gerade deshalb blieb ihm die erkannte Wahrheit zum dauernden Eigcnthum. Also innerhalb der Thatsachen und Geschehnisse der Welt, inmitten der Menschen Thun und Treiben sollen und werden wir Gott und Sein Walten und Wirken erkennen und begreifen. Durch bloßes Nachdenken wird Er niemals so recht verstanden werden. Darum lautet der erste Ausspruch Gottes an sein Volk p*ro "TNuin -upn -ppPx DH3J/ rV3ö D'-ISD. Diese erste und einzige Wahrheit schließt auch sofort jede andere angebliche Wahrheit aus. Und das ist wiederum der große Vorzug des jüdischen Volkes vor anderen Völkern. Py onriN dmPn -p rprp xb „Du darfst keine andere Götter haben vor meinem Angesichte." Ein Alles umfassendes, Alles in sich fassendes Wesen schließt jede zweite höhere Macht aus, selbst die menschliche Vernunft, die doch heute als Macht ersten Ranges, als die mächtigste der Mächte so gerne hingestellt wird. Nur wenn man die Wahrheit richtig und voll erfaßt, wird man diese Consequenz in ihrer ganzen Ausdehnung ziehen. Das Judenthum hat auch niemals eine weitere Macht anerkannt; es blieb fest bei dem einen, aNmächtigen Gotte. Nicht so die übrige Welt, und am wenigsten unsere Zeit, die, trotz aller Heiden, nicht zurückbleibt in der Anerkennung noch vieler anderer Mächte. Das Geld spielt eine dieser ersten Mächte, dann, wie gesagt, die menschliche Vernunft. Da kann natürlich die Anschauung über Gott nur eine sehr flache und verschwommene sein. Die Weltgeschichte lehrt uns aber klar und eindringlich, daß in Zeiten, wo man für den Menschen zu viel Macht in Anspruch nahm, wo der Mensch sich auf den Thron erhob und die Welt um seine Person sich drehen ließ, gar bald Verwirrung unter den Menschen herrschte, die Welt einen großen Schritt rückwärts that. Wer heute unserer Welt diesen Vorwurf ins Gesicht schleudern wollte, der setzte sich der Gefahr aus, verlacht und verspottet zu werden. Und doch ist unser Geschlecht, und sei es noch so reich an Kenntnissen, noch so hoch- und feingebildet, in Betreff der Erkenntniß der höchsten Wahrheit weit ab vom Ziele, herrscht über die Gottesanschauung die größte Verirrung. Unsere Zeit kennt nur noch : persönliche Interessen, verfolgt nur noch persönliche! Zwecke und Ziele und schränkt deshalb die gött-! liche Macht ein. will nichts wissen von einer Vor-! sehung, von Lohn und Strafe, läßt der höchsten! Macht im Grunde genommen weiter nichts übrig,! als das Zusehen. was die Menschen thun und! treiben. Unsere Zeit gesteht der göttlichen Macht,! noch viel weniger zu, als das Heidenthum und I steht auch in dieser Beziehung so ziemlich auf! derselben Stufe, wie die heidnische Welt. Was die heidnische Welt und auch unsere Zeit auf diesen Abweg treibt, von der reinen Wahrheit entfernt, das ist die Unbegreiflichkeit! der obersten Wahrheit. Man möchte diese Wahr-! heit faß - und greifbar vor sich haben und sich davon überzeugen, ehe man sie glaubt. Deshalb hat die heidnische Welt das göttliche Wesen auf alle mögliche Weise zu versinnbildlichen gesucht, sich alle möglichen Dinge, welche als Wirkungen 1 Gottes sich zeigten, als die verkörperte Gottheit 1 aufgefaßt und so den Bilderdienst und die Viel-! götterei hervorgerufen. Von derselben Auffassung geht die Neuzeit j aus. Weil Gott unbegreiflich, sucht man sich die * oberste Wahrheit zu versinnbildlichen und will iu! den Erscheinungen der Naturkräfte die Gottheit! ganz und allein richtig erkennen und diese als! das einzig Wahre, als das Wesen Gottes er- | klären. ' Nach jüdischer Auffassung ist jede Vorstellung des göttlichen Wesens ein Verbrechen, jeder Maßstab, womit man die Gottheit messen wollte, eine Beschränkung derselben. Die einfache Vernunft,