Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1879)
- Date
- 1879-05-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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558 als entspräche es eher dem Eigendünkel, einem Geschicke Alles zuzuschreiben, was Einem zukömmt, als der Hand eines Alles überwachenden höheren Wesens. Man will nicht und möchte nicht die hohe Auffassung von der Unfehlbarkeit deS menschlichen Geistes aufgeben, gibt deshalb die Gottesidee, welche bisher die Gesammtmenschheit gehabt hat, auf; immer aber schließlich die menschliche Schwäche und Ohnmacht eingestehend, und gezwungen, sich einem „Naturgesetze" zu unterwerfen. Und dieses blinde Naturgesetz, wie greift es, so ganz gesetzwidrig, ganz und gar nicht auf die menschlichen Wünsche Rücksicht nehmend, ohne Unterschied zu machen zwischen jung und alt, zwischen reich und arm, zwischen gebildet und ungebildet, hinein in das menschliche Leben, knickt da mit rauher Hand eine frische Blüthe, die kaum sich entfaltet, pflückt dort eine schöne, reife Frucht und schickt dort üb.r die gesegnetste Gefilde Hrgel und Sturm, Alles verwüstend und verheerend. Ja, wer wollte es leugnen, daß es ein Naturgesetz, eine blinde Kraft gibt; aber sie stehen eben im Dienste einer höheren Macht. Der ganze Unterschied zwischen uns und Jmen besteht darin, daß sie die Wirkungen als die Ursachen betrachten, wahrend wir, Naturgesetze und Kräfte gleichfalls zugestehend, dieselbe als einfache Wirkungen erkennen, ähnlich wie wir uns von jeher der heidnischen Welt gegenüber verhalten haben, die auch, ganz wie in unserer Zeit, Sonne, Mond, Sturm, Donner, Blitz ic. als Ursachen auffaßte, als oberste Macht, als Gottheit verehrte, während wir in ihnen weiter nichts, als Wirkungen, als Diener Gottes erblickten, die Er zu Boten und Vollstrecker Seines Willens macht. Während die Menschheit in diesem Bestreben und Suchen, sich eine Stütze und einen Leitstern zu verschaffen, bald der Wahrheit nahe kommt, bald wieder auf falsche Bahnen geräth und das! Beispi'l liefert, daß die, welche sich für reife und * vernünftig halten, oft viel weiter entfernt sind von der Wahrheit, als andere, die sich an Bildung und Wissen mit ihnen nicht messen können: haben wir seit Jahrtausenden einen festen Standpunkt eingenommen und ihn vertheidigt und behauptet gegen alle neu auftauchenden Ansichten, selbst wenn man sie wissenschaftlich zu beweisen und zu begründen suchte. Ein großer Vorzug unserer'Gottesanschaunng besteht eben darin, daß sie keines wissenschaftlichen Apparates, keines künstlichen und complicirten Beweises bedarf, sondern daß sie eine vernünftige und die dem inftinctiven Gefühle entsprechendste ist. Herz und Geist fühlen sich dabei beruhigt. Und diese innerliche, den ganzen Menschen erfüllende, erhebende Beruhigung ist zugleich die sicherste Gewißheit der gefundenen Wahrheit. Einen anderen, nicht minder wichtigen Vorzug der jüdischen Gottesanschauung haben wir darin, daß wir nicht einzeln die Wahrheit zu erforschen haben, daß die Kinder nicht immer auf's Neue da anzufangen haben, wo ihre Väter anfangen, wie das ganz besonders in unserer Zeit der Fall ist, wo die Kinder ganz andere Anschauungsweise über die oberste Wahrheit haben, als ihre Eltern, wo diese Kinder unter sich wiederum verschiedene, einander oft ganz entgegengesetzten Ansichten huldigen, wo diese Kinder selbst mehrmals ihre Ansichten ändern; sondern daß wir auf der von unserm Stammvater Abraham erkannten Wahrheit fuß-n, die wir im Laufe der Jahrtausende erprobt und bewährt gesunden, die sich schon dadurch als reine, goldene Wahrheit documentite, daß sie in harmonischem Einklang steht mit der ganzen Schöpfung und den Erscheinungen der Welt, daß sie der Welt einen obersten Herrn und Leiter gibt, der noch heute darin waltet und wirkt, was wir mit „göttliche Vorsehung" bezeichnen. Jeder Gottesbegriff involvirt logischerweise einen inneren und engsten Zusammenhang Gottes mit seiner Welt, muß, streng genommen, von dem höchsten Einfluß aus die Welt und die Menschheit sein. Das gesteht ein großer Theil der Menschen und wiederum die Neuzeit am wenigsten zu. Man will nichts von einem höheren Einfluß wissen, will für die menschliche Handlung jede höhere Verantwortlichkeit absprechen. Lohn und Strafe für unser Thun erkennt man nicht mehr an. Dadurch bleibt aber immer die Frage eine offene: Was ist wahr? Einen ferneren Vorzug hat die von un's erkannte Wahrheit auch noch dadurch, daß unsere Gottes-Anschauung nicht bloß eine durch die Vernunft erkannte ist, sondern daß sie zugleich auf Erfahrung beruht, durch die Erfahrung als die richtige befunden und bestätigt wurde. „Wenn wir nur Gewißheit hätten!" so hört man oft die Menschen sprechen, „dann würden wir wohl diese oberste Wahrheit von einer Schöpfung anerkennen und an Gott glauben." Freilich, wenn man Alles gleichsam auf dem Präsentirteller vorgesetzt bekäme, dann wäre es ein Leichtes zu glauben; wenn Lohn und Strafe gleich auf dem Fuße folgen, dann wäre es kein besonderes Verdienst, gut und brav zu sein; da wäre die Welt eine paradiesisch schöne, bewohnt von lauter Engeln. Aber — und das ist's, was unser er Welt eigentlich erst Werth verleiht — diese Welt ist von Menschen bewohnt mit freiem Willen, mit Ver- , nunft und Verstand begabt, auf daß sie selbst sich i durch eigene Kraft und zu eigenem Verdienst durch-