Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1879)
- Date
- 1879-05-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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539 nicht. — Wie hatte sie sich so unglücklich gefühlt am Nachmittag, als sie in wilder Flucht das Schloß verlassen — und wie beneidenswerth erschien ihr nun ihre damalige Situation gegen ihre gegenwärtige. Denn sie konnte es sich nicht verhehlen, selbst der unparteiischste Richter mußte an ihrer Unschuld zweifeln, gab es doch Momente, in denen sie, dem Wahnsinn nahe, selbst daran zu zweifeln begann. Als der Morgen graute, hatten sie E... das nächste Städtchen zu Waldensee, von wo der Polizei-Commissär ihr nachgereist war, erreicht. Jakobine ward in das zur Untersuchungshaft bestimmte Gebäude geführt; ihre Tasche ward der Direktion übergeben. Eine Art stumpfer, starrer Resignation hatte sich ihrer bemächtigt, vollständig gebrochen kauerte sie in sich zusammen auf dem hölzernen Sessel; ihr Kopf sank auf den Tisch vor ihr, ihre Augen schlossen sich. dumpfe Betäubung entrückte sie momentan dem Bewußtsein ihres grenzenlosen Elendes. Mehrere Stunden waren verstrichen, sie hatte sich nicht geregt. Ein Wärter war eingetreten, hatte Frühstück und einen Krug Wasser vor sie auf den Tisch gestellt und voll Staunen die prachtvollen blonden Haare betrachtet, die aufgelöst über die dunkeln Trauerkleidung fielen und fast bis zur Erde reichten. Er hatte ihr guten Morgen gewünscht und wiederholt sich bemüht, sich ihr bemerklich zu machen — umsonst. Abermals verstrich eine Stunde, abermals trat der Wärter herein, sie verharrte noch immer in ihrer vorigen Stellung. Kopfschüttelnd trat der Mann näher. „Jungfer!" sprach er laut. Sie regte sich nicht. „Fräulein!" rief er und trat ganz nahe an sie heran — noch immer keine Antwort. Endlich faßte er sie am Arm und rüttelte sie ein wenig. Erschrocken fuhr sie zusammen und blickte auf. „Wo bin ich?" stammelte sie mit weit aufgerissenen Augen um sich starrend. „Auf Nummero Sicher, schönes Fräulein", entgegnete der Wärter mit rohem Lachen. Sie verstand ihn nicht und preßte die Hand an die Stirn, ihr Erinnerungsvermögen zu erwecken — und allmählich gelang es ihr auch. „Kommen Sie, Jungfer", fuhr der Wärter fort, „der Herr Justizrath erwartet Sie. Binden Sie sich ihre schönen Locken zusammen und kommen Sie mit." Das unglückliche Mädchen fragte nicht weiter, sie erhob sich, der empfangenen Aufforderung zu entsprechen, doch die Kräfte versagten ihr, sie brach zusammen. „Saperlot!" fluchte der Mann, „Jungfer, wer wird denn so schwach sein!" aber er sprang doch herbei, sie zu stützen. „Und warum haben Sie denn noch nicht gefrühstückt? wenn man lange nüchtern bleibt, wird einem schwach. Versuchen Sie es nur, essen Sie ein wenig", fuhr er gutmüthig fort. „Es ist zwar nicht extra fein, Sie werden's besser gewohnt sein, und wenn Sie'S zahlen können, bring* ich's Ihnen zu Mittag besser. Aber für jetzt ist'S zu spät, jetzt nehmen Sie nur ein Paar Schluck und dann sehen Sie zu, daß Sie mitkommen." Jakobine hatte seit Mittag des vorigen Tages nichts genossen; so wenig einladend das Näpfchen ihr erschien, sie überwand sich, ein Paar Löffel daraus zu nehmen. Der Wärter, bei aller feiner Rohheit ein ziemlich gutmüthiger Mensch, freute sich aufrichtig, daß sie trotz ihres vornehmen Aeußern das Frühstück doch nicht ganz verschmäht hatte. „Schön, Fräulein, schön. Sie sind gescheidt, jetzt wird's schon besser gehen. — Sie wollen schon nicht mehr essen? — Na, auch, auch gut, doch besser wenig als gar nichts. — Also jetzt lassen Sie uns gehen, der Herr Justizrath wartet nicht gern. — Stützen Sie sich nur recht fest auf meinen Arm, da wird's schon gehen." Und in der That verließ Jakobine/ auf seinen Arm gestützt, schwankenden Schrittes das Zimmer. Die Stiegen hinunter über einen langen Corridor ward sie in das Amtslocal des Untersuchungsrichters geführt. „Das Frauenzimmer ist sehr schwach, Herr Justizrath", sprach ihr Begleiter, „wenn Sie'S erlauben, Herr Justizrath, so stelle ich einen Seflel für sie her." Der Justizrath nickte seine Zustimmang; Jakobine sank kraftlos in den Sessel, während der ebenfalls anwesende Polizei-Commissär, der ihre Verhaftung bewerkstelligt hatte, nicht ohne Theilnahme die schöne Arrestantin betrachtete. Der Wärter hatte sich entfernt, der Schreiber hatte bereits die Feder eingetaucht, das beginnende Verhör zu Protokoll zu nehmen. „Wie heißen Sie?" fragte der Justizrath. „Jakobine Grünfeld", erwiederte sie leise. „Grünfeld?" erwiederte verwundert der Untersuchungsrichter, „Graf Waldenser nannte sie von Thalheim." „Grünfeld ist dennoch mein Name, von Thalheim nannte mich nur die verstorbene Gräfi» Waldensee und weil sie eS wünschte, habe ich in ihrem Hause diesen Namen geführt." Der Richter schüttelte den Kopf. „Wie alt sind Sie?"