Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1879)
- Date
- 1879-05-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447818--16204-2472181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
540 „Achtzehn Jahre." .Ihr Geburtsort?" Schon öffnete sie den Mund, ihr Heimathstädtchen zu nennen, da schloß sie ihn plötzlich Wieder und preßte die Lippen fest aufeinander, während glühende Röthe ihr Antlitz überzog. Der Richter wiederholte ungeduldig seine Frage. „Ich kann diese Frage nicht beantworten", sprach sie schüchtern aber bestimmt. „Sie können nicht?" rief der Justizrath mit ausbrechendem Aerger, „ich rathe Ihnen ungesäumt Ihre Heimath zu nennen, oder — die Polizei hat Mittel Ihnen den Mund zu öffnen." Sie schüttelte schweigend das Haupt. „Seien Sie nicht unvernünftig, Fraulein", bat der Commissär. „Sie sind verpflichtet, dem Herrn Justizrath den Namen Ihrer Heimath anzugeben. „Verweigern sie es, so verschlimmern Sie nur Ihre Lage." Sie zuckte die Achseln. „Ich kann nicht!" entgegnete sie verzweifelnd. „Durch einen mir unerklärlichen Zufall erscheine ich des Diebstahls verdächtig — ich bin unschuldig — aber meine Familie, die ich seit mehr als sechs Jahren nicht gesehen, ist es doch wo möglich noch mehr. — Würde ich meinen Geburtsort nennen, die unverdiente Schmach, die an mir haftet, würde auch auf meine Familie fallen. — Und wenn ich zeitlebens diesen unglückseligen Ort nicht verlassen könnte — bevor meine Unschuld erwiesen ist, nenne ich meine Heimath nicht." „Und Sie glauben, die Polizei werde nicht auch ohne Ihre Angaben Ihre Heimath ermitteln?" „Das glaube ich allerdings", erwiederte sie, während eine Art triumphirendes Lächeln um ihre Mundwinkel zuckte. „Weder Graf Waldensee, noch seine Dienerschaft, noch die weiteren Kreise, in denen ich mich seit mehr als sechs Jahren bewegt, haben auch nur eine Ahnung von dem Namen meiner Heimath. Das Geheimniß meiner Herkunft hat meine Wohlthäterin, die verstorbene Gräfin Waldensee, mit in's Grab genommen." „Schön haben Sie ihre Wohlthaten vergolten", höhnte der Juftizrath. „Ich bin unschuldig!" rief sie erglühend. „Grünfeld — Sie sind Israelitinl" Abermals zuckte es um ihre Lippen. „Ich bin Katholikin", versetzte sie auf ein goldenes Kreuzchen deutend, das ste° zum Andenken an die Gräfin an ihrem Halse trug. „So sind Sie getauft?" fragte der Untersuchungsrichter. „Giebt's auch ungetaufte Katholiken?" fragte sie spöttelnd. „Ich ersuche nun allen Ernstes, meine Fragen klar und bündig zu beantworten. Denn wenn uns auch die Mittel nicht fehlen, ohne Ihre Angaben Ihre Generalien zu ermitteln, so gehört es doch zur Ordnung, daß Sie selbst sie anzeben; Ihre Verschlossenheit könnte Ihnen theuer zu stehen kommen." Sie zuckte die Achseln. „Mag mit mir geschehen. was da will, ich werde keine Frage beantworten , die irgend welches Licht auf meine Familie oder auch nur auf meinen Geburtsort werfen könnte." „Sie sind nicht wohl berathen", sagte der Justizrath kopfschüttelnd „und Sie werden Ihre Verstocktheit sicher bereuen. Doch da Sie uns über Ihr Nationale im Unklaren lassen wollen, so beantworten Sie vorläufig einige andern Fragen. In welcher Weise sind die Diamanten des Grafen in Ihre Tasche gekommen?" „Diese Frage wünschte ich freilich beantworten zu können", erwiederte sie mit schmerzlichem Seufzer, „doch das ist mir ein unerklärliches Räthsel." „Sie würden wohl thun, durch ein aufrichtiges Geständniß Ihren Fehltritt vielleicht in einem milderen Licht erscheinen zu lassen. Ihr Leugnen verschlimmert Ihre Angelegenheit mehr und mehr." „Ich kann nichts gestehen, was ich nicht begangen habe, ich bin mir keines Fehltrittes bewußt." „Sie wollen doch nicht in Abrede stellen, daß der Herr Commissär in Ihrer Gegenwart die Diamanten in Ihrer Handtasche gefunden hat." „Das kann ich leider nicht in Abrede stellen — trotzdem bin ich unschuldig." „Die Tasche war verschlossen?" Jakobine bejahte. „Und wo befand sich der Schlüssel?" „In der Tasche meines Kleides." „Wer hat die übrigen Pretiosen, die sie als Ihr Eigenthum bezeichnen, in Ihre Tasche gelegt?" „Ich selbst that es." „Wo befanden sich dieselben, bevor Sie sie in die Tasche räumten?" „In dem Secretär, der in meinem Zimmer stand." „War derselbe verschlossen?" „Immer." „Wo pflegten Sie den Schlüssel aufzubewahren?" „In meiner Tasche." „Wo befanden sich die Diamanten, die in Ihrer Tasche gefunden wurden?"