Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1879)
- Date
- 1879-05-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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535 Feuilleton. Kabbi Joselmann von Kosheim. Eine historische Erzählung. XLIV. In den Straßen von Madrid sah man an einem schönen Frühlingstage des Jahres 1520 zwei wie deutsche Edelleute gekleidete Männer auf- und abgehen. Wären die Männer so in der Heimath gesehen worden, so hätte man sofort bemerkt, daß ihnen, namentlich dem Einen, die Tracht eine ungewohnte sei; allein im fremden Lande fiel das nicht auf. Es waren Rabbi Joselmann von Rosheim und Rabbi Moscheh Cohen von Frankfurt am Main. Die Beiden hatten das schwere Wagniß unternommen, nach Spanien zu reisen, wo jeder Jude, der den spanischen Boden betrat und als Jude erkannt wurde, unerbittlich dem Tode geweiht war, dem schrecklichen Tode, öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Es war ihnen gelungen, sich Legitimationspapiere zu verschaffen, die auf die Namen zweier deutscher Edelleute lauteten, und sie hatten deßhalb eine dem entsprechende Tracht angelegt. Unbehelligt und ohne weitere Abenteuer waren sie in Spanien angekommen. Aber welche Entbehrungen hatten sie zu erdulden! Die gewohnte Nahrung konnten sie natürlich nicht erhalten; sie lebten nun schon Monate lang von Brod und Wasser. Schaufäden und Gebetriemen mußten sie sorgfältig versteckt halten; ebenso war ihnen die Feier des Sabbats mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Als sie in Spanien ankamen, war der junge Kaiser und König gerade auf einer Reise begriffen; sie hörten, er sei in Barcelona; sie reisten dorthin; aber Carl war schon fort. So reisten sie ihm fast durch ganz Spanien nach, ohne vor dem Kaiser erscheinen zu können. Jetzt aber waren sie in der furchtbarsten Verlegenheit; es war am Rüsttage zum Peßachfeste. Was sollten sie an diesem Feste anfangen, da ihnen nunmehr auch ihre einzige bisherige Nahrung, das Brod, versagt war? Dabei keine Aussicht, zum Kaiser vorzudringen! Der Landessprache nicht mächtig, fehlte es ihnen an Mitteln und Wegen, die diplomatische Gewandtheit in Anwendung zu bringen, in der Rabbi Joselmann in der Heimath Meister war. Sie waren auf dem Marktplatze angelangt, wo die Bauern der Umgegend Gemüse und Früchte und andere Dinge feilboten. Ein vornehm gekleideter Herr ging vor ihnen her; der kaufte nacheinander Lattig, Petersilie, Meerrettig, ein Ei! „Adonai Hauschioh!"*) sprach Rabbi Joselmann halblaut, so daß der Spanier es hören konnte. Dieser drehte sich rasch um. „Ben isch echod anachnu",**) sagte Rabbi Joselmann, nahe an ihn hinantretend. „Schetikah! Bou immi! ***) flüsterte der Spanier. Sie wanderten durch viele lange Straßen, bis sie in eine entlegene Vorstadt kamen. Es war ein schönes, herrschaftliches Haus, in das der Spanier seine Gäste führte. Don Perez bet Almilgo gehörte einem vornehmen Geschlechte an, das schon hundert Jahre vor der Vertreibung der Juden aus Spanien war gezwungen worden, die Taufe anzunehmen. AVer heimlich waren seine Ahnen dem Judenthume treu geblieben. Auch Don Perez war im Judenthum erzogen und lebte — heimlich wenigstens — streng nach den Gesetzen desselben. Er führte seine Gäste in die Kellerräume seines Hauses. Dort befand sich eine Synagoge und viele andere Dinge, die es ermöglichten, jüdisch zu leben. Es war auch eine Handmühle da und ein Backofen, und die Hausgenossen des Don Perez waren eben eifrig damit beschäftigt, Mazzoß zu backen. Als Rabbi Joselmann und Rabbi Moscheh Cohen die ungesäuerten Kuchen erblickten. entstürzten Freudenthränen ihren Augen. Abends saß Don Perez mit seiner Familie und seinen Gästen am Seder. Wiewohl Rabbi Joselmann sich seinen Tischgenossen nur schwer verständlich machen konnte, gelang es ihm doch, einige Fragen, welche die Kinder während des Lesens der Hagadah aufwarfen, zu beantworten. So fragte eins der Kinder: „Warum sollen wir Gott dankbar dafür sein, daß Er unsre Voreltern äus der egyptischen Knechtschaft befreit hat? Er hat sie in die Sclaverei geführt und hat sie wieder befreit. Hätte Er sie nicht zu Sclaven machen lassen, so hätte Er auch nicht nöthiq gehabt, sie zu befreien." — Don Perez war ein Ungelehrter und wies das Kind barsch ab. Rabbi Joselmann aber erbat sicb die Erlaubniß, die aufgeworfene Frage zu beantworten. „Mein liebes Kind", sagte er, das wenige Spanisch zusammennehmend, das er bereits in Spanien gelernt hatte, es manchmal mit hebräischen Worten ergänzend, „ich will deine Frage durch ein Gleichniß beantworten. Wenn Zwei Streit miteinander haben, und der Eine bricht dem Andern den Arm und sagt: Sei still, ich bin ein Arzt und heile Dir den Arm! — so ist der ihm *) Gott hilf! **) Wir sind bie Löhne eines Mannes. ***) Lchweigenfiommt mit mir!