Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1879)
- Date
- 1879-05-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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531 nur vorübergehend bemerkt, daß die bei uns in Europa verschrieenen turanischen Horden wohl wild und unbändig, doch selten grausam und tyrannisch waren, da Grausamkeit bekanntermaßen nur mit Feigheit sich paart, und feige waren die Turanier nie. Das meiste aber hatten die Juden im Orient von ihren christichcn Leidensgenossen zu ertragen. Der christliche Rajagefährte zürnte dem Kinde Israels erstens, weil es angeblich den Stifter seiner Religion gekreuzigt, und da der christliche Fanatismus viel stärker ist und war, als der muslimische, so hat dieser Groll oegen die Juden mit einer unglaublich heftigen Wuth sich geäußert. Besonders aber wollen wir bei Gelegenheit hervorheben, daß das berüchtige Osterblut, das den Juden auch lange Zeit in Europa in die Schuhe geschoben wurde, eine Erfindung der Christen Asiens ist, woher auch die Kreuzzügler diese sonderbare Blume im Anopfloche nach Europa brachten. Zweitens hatten die Juden für die von Muslimen an Christen verübten Gewaltthaten zu büßen und so oft ein Grieche oder Armenier, es sei im Bazargedränge oder bei öffentlichen Belustigungen von dem muthwilligen Mohammedaner einen Psuff erhält, wird dieser sicherlich mit dreifachverslärkten Echo an den Buckel des armen Jehudi widerhallen. Hieraus erklärt sich die Ursache der häufigen und mannigfachen Prügeleien, denen die Juden in Jerusalem, wie in keiner Stadt der Welt, auögesetzt find, da sie hier den Wärmegrad des religiösen Feuers der verschiedenen christlichen Sorten zu fühlen haben. Drittens ist der Jude der gefährlichste Concurrent in Ausbeutung der indolenten und trägen mohammedanischen Bevölkerung und steht dem Christen namentlich dort, wo letzterer sich in Minderzahl befindet, in Handelssachen häufig im Wege. Ob Armenier oder Grieche, ob Maronit oder Slave, hatte der Jude in Folge der Lebhaftigkeit des Temparements und der Schlauheit seines christlichen Gegners wohl zu allen Zeiten den Kürzeren gezogen, denn während bei uns im Abendlande feine Glaubensgenossen nicht nur in financiellen Dingen, sondern in anderen Zweigen des socialen Lebens die erste Geige spielen, so kann dies vom Jude im Oriente keinesfalls behauptet werden. An einigen Punkten der Türkei, wie z. B. in Salonichi, Constantinopel, Smyrna, Damaskus und Bagdad finden sich wohl vereinzelt reiche angesehene Juden vor, doch im Großen und Allgemeinen wird das Volk der Israeliten von seinem christlichen Gegner weit überragt und höchstens füi f Procent derjenigen, die mit einigen Kisten Zündhölzchen, alten Kleidern und Dolmetscherdienst beginnen , werden es trotz der großen Nüchternheit und des staunenswerthen Fleißes, der ihnen innewohnt , zu Kaufleuten von Bedeutung bringen. Diejenigen daher, die die Stellung der Juden in Europa den besonderen Vorzügen der semitischen Geistesanlagen vindiciren wollen, würden Ihren Irr» thum sofort einsehen, wenn sie die Juden desOrients genauerkennenzu lernen Gelegenheit hätten. So haben es z. B. auch die Juden in Mittelasien nie zu einer socialen Stellung bringen können, weil sie dort auf dem Felde der Rivalität den Kampf mit den Multanis, d. h. brahminischen Hindostanen zu bestehen haben und während letztere sich fast ausschließlich mit dem lucrativen Geschäfte des Geldwechsclns und des Wuchers abgeben, muß der Jude seine mühsamen Handwerke der Seidenfärberei fristen. Aehnliches kann auch von den Juden Persiens gesagt werden, wo sie wohl in geringer Anzahl anzutreffen sind, aber fast überall von den Armeniern aus dem Felde geschlagen werden. In Afghanistan und im chinesischen Turkestan hat es zu keiner Zeit Juden gegeben. Möglich, daß sich in der neuesten Zeit einige unter russischem Schutze in Kuldscha angcsiedelt haben.-— Als eine Thatsache und zwar als eine ziemlich überraschende Thatsache jedoch müssen wir es anführen, daß die türkischen Juden in dem allerneuesten Bedrängnisse des Islam sich nicht nur entschieden auf die Seilte des Moslims stellten, sondern an den freiwilligen Kriegesopfeni sich reichlicher betheiligten, als andere Rußland feindlich gesinnte Nichtmohammedaner. Es ist nämlich bekannt, daß während der grauenvollen Kriegszüge in Rumelien, bei welcher Gelegenheit die großartigsten Bölkerschiebungen in der modernen Zeit stattgefunden haben, die Juden fast überall den fliehenden Türken sich anfchlossen, so oft die Furcht vor bulgarischer Grausamkeit Letztere zur Flucht veranlaßte. Der Leser wird sich der auf mehrere Hunderte Köpfe sich belaufenden Zahl der aus Kazanlik sich flüchtenden Juden erinnern, die Hab' und Gut im Stiche lassend, auf weiten Umwegen über die Donau, Ungarn und Triest, zu Meer sich den südlichen Theilen des ottomanischen Staates zuwandten. Aehnliches geschah von Sophia und anderen Orten aus, überall wo die christlichen Enltnrverbreiter und Befreier sich zeigten. Möglich , daß dies in erster Linie dem Umstande zugeschrieben werden mag, daß Rußland nirgends und auch in Asien nicht im Gerüche besonderer Religivnstoleranz gestanden, möglich, daß es die Furcht vor dcn Bulgaren, den modernen Freiheitsmartyrern, war, doch der Sachverhalt konnte dem Moslimen nicht unbekannt bleiben und höchst charakteristisch waren die Aeußerungcn der türkischen