Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1879)
- Date
- 1879-05-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447818--16194-2472171- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
530 trauriges und betrübrnderes wird, und daß ich mir nie das Räihsrl lösen tonnte, wie der Mohammedaner den in Gesinnungs - und Denkungsweise und in den rituellen Einzelheiten seines Glaubens ihm so nahe stehenden Juden so verachten und peinigen kann? Es ist nohl wahr: die mohammedanische Lehre stellt überhaupt nur auf, daß das Jndschil (Evangelium), Zebur (Psalmen) und Taurat (Thora), dessen Besitzes sich Juden und Christen rühmen, klägliche und sündenhafte Falsifikate seien, doch verleiht er ihnen das Recht auf den Titel Chli-Kitab (Mann des BucheL) und es kann einem in der That nicht genug wundern, wenn man sieht, wie der Rechtgläubige den Juden, der kein Schweinefleisch ißt, vor dem Gebete Waschungen vornimmt, wie der Moslime, der sein männliches Kind mit der nämlichen Ceremonie in den Band des Glaubens einführt, der bei Geburten , beim Tod und bei Hochzeiten ein ähnliches Sittenbild aufweist, und dessen heilige Sprache von der Sprache des Koran nur dialektisch verschieden ist, als die Zielscheibe alles Schimpfes und Spottes betrachtet. Als Hauptursache dieses Umstandes muß angeführt werden, daß der Koran sowohl als die Tradition viel mehr von offener Gegnerschaft der Juden als der Christen, die zu Mohammeds Zeiten in Arabien keine Rolle spielten, sprechen. Hieraus erklärt sich die alte historische Feindschaft, die in der Neuzeit jedoch auch schon deßhalb sich verändern mußte, weil die Juden dem Islam gegenüber keine so drohende Stelle einzunehmeü vermochten als die Christen, die schon seit den Kreuzzügen eine unterbrochene Kette von harten Kämpfen den Gläubigen Mohammeds zu bieten, Furcht und Schrecken, daher auch einen gewissen Grad von Nespect einzuflößen wußten. Aehnliche Motive liegen auch der Schonung und Duldung zu Grunde, welche den Juden Asiens zu allen Zeiten, von den kriegerischen Nassen, folglich von Türken zu Theil geworden. Es ist höchst charakteristisch, daß sowie das Loos der Juden in Syrien, im Norden Persiens und in Anatolien zur Zeit der Mongolenherrschaft ein weit günstigeres war als unter den Chalifen, da es bekannt, daß sie am Hofe der Helagiden eine bedeutende Rolle spielten und das volle Vertrauen der schiefäugigen Prinzen aus dem fernen Osten besaßen, ebenso sich ihr Loos unter der Ottomanenherrschaft wesentlich gebessert hat, und einzelne Sultane als: Muhammed 11. Suleiman 1., hatten es sogar der Mühe werth gefunden, die vor der spanischen Inquisition sich flüchtenden Juden auf Staatsschiffen nach der Türkei tranSportiren zu lassen, woselbst auch noch heute die größte Anzahl von Juden sich in moslinischen Osten befinden, denn angenommen, daß von 6 Millionen Juden der gesummten Erde eine Million auf das islamitische Asien fällt, so kann man auf die Türkei mindestens 900.0;0 rechnen. Zu diesen gehören die aus der ersten und zweiten Gefangenschaft, theils in Syrien, theils in Mesopotamien und im Tigris-Delta schon vor alten Zeiten ansässigen Gemeinden, die wunderbarer Weise von allen Zeitstürmen, von allen verschiedenen Dynastien, die über sie geherrscht, von allen gesellschaftlichen und religiösen Umwälzungen, die sich in ihrer Umgebung vollzogen, Spuren an sich tragen, ohne doch dabei ihren echt jüdischen Charakter eingebüßt zu haben. Der Jude in Bagdad spricht arabisch, aber näselnd und fremdartig singend, ebenso wie der Jude in Jspahan die Sprache Hafiz in der ihm eigenen Manier gebraucht und dabei eine starke Mischung vom Arabischen, Hebräischen, Türkischen, Armenischen und Kurdischen anwendet. Das Chamäleonartige seiner Sprache gelangt auch in seiner Tracht zum Ausdrucke, welche die Moden vergangener Jahrhunderte präsentirt und in Farbe sowohl als in Zuschnitt nur in der Neuzeit einige Veränderungen erlitt. -— Soviel über die Stellung der Juden in den verschiedenen Ländern der moslimischen Welt. Wenn wir nun den Grad ihrer Leiden in den verschiedenen Zei altern und bei den verschiedenen Völkern untersuchen, so werden wir zur Ueberzeugung gelangen, daß sie während der Macht- und Glanz-, oder sagen wir offener; während der Culturperiode des Islams, einem verhältnißmäßig kleineren Drucke ausgesctzt waren, als in der Neuzeit, d. h. während des Niedergangs der weltlichen Macht. Hingegen machen wir mit Bezug auf den Nationalitalsunterschied ihrer Unterdrücker die sonderbare Erfahrung. daß Araber und Perser von mehr unerbittlichem Haß und größerer Grausamkeit erfüllt waren, als die Turanier, namentlich die Türken und Mongolen. Die Geschichte der Vergangenheit und der Gegenwart zeigt viele Beispiele von Judenmaffacre's und Verfolgungen in Städten und Orten von vorwiegend arabischer und persischer Bevölkerung . und kein einziges Beispiel von. solchen Orten, die von Türken bewohnt sind. Selbst bei den in Europa wohnenden Turaniern, bei den Magyaren nämlich, läßt sich dieselbe Wahrnehmung machen, denn während Deutschland. Frankreich, Italien und Spanien sich früher an den abscheulichsten Judenhetzen delectirten, weiß die Geschichte Ungarns kein einziges Beispiel von Judenverfolgungen aufzuweisen, und hatten solche an einigen Orten in Ungarn nur dann statt, wenn sie von slavischen oder anderen europäischen Rassen in Scene gesetzt wurden. Dem Leser mag diese Behauptung wohl sonderbar erscheinen, doch sei hier