Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1879)
- Date
- 1879-05-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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516 fle es nicht gewahrte, daß der Zug stehen geblieben war, sie befanden sich an der letzten Station vor B.... Die Waggon-Thür ging auf; die Damen suchten nach ihren Karten, sie wähnten der Conducteur komme dieselben abzufordern. — Doch es war nicht der Conducteur, es war ein anderer Herr, der seltsamerweise eine Laterne in der Hand trug und deren grelles Licht auf die Insassen de« CoupöS fallen ließ. „Fräulein von Thalheim!" sprach er laut. Jakobine fuhr zusammen. Obgleich sie sich vorgenommen, diesen Namen nicht mehr zu führen, alS sie ihn fetzt nennen hörte, wandte sie sich um, als fei sie gerufen worden. Dem erwähnten Herrn war diese Bewegung nicht entgangen; er trat ganz nahe an sie heran und ließ das Licht seiner Laterne voll auf ihr Autlitz gleiten und hernieder an ihrer Kleidung, dann nickte er einige Mal wie zustimmend mit dem Kopfe. Sämmtliche Anwesende betrachteten voll Staunen sein seltsames Gebühren. „Fräulein von Thalheim", sprach er von Neuem, „ich muß Sie ersuchen, mich zu begleiten." „Mein Herr", stammelte Jakobine mit kreideweißen Lippen, „ich weiß nicht, was Sie zu dieser Aufforderung ermächtigt. — Ich werde Sie nicht begleiten." ,,Sie werden mich begleiten, Fräulein — denn ich bin allerdings zu dieser Aufforderung berechtigt — ich bin Polizei-Commissär." „WaS kümmert das mich?" flüsterte Jakobine, kaum im Staude sich der Thränen zu enthalten, „was habe ich mit der Polizei zu schaffen? — das muß ein Jrrthum fein." „Ganz gewiß ein Jrrthum;" stimmte der Comiffär bei, „doch um diesen Jrrthum constatiren zu können, muß ich Sie ersuchen, mein Fräulein, mich zu begleiten. Darf ich bitten? —" Und ehe sie sich dessen versah, war seine Hand an ihrer Tasche und hatte sie ihr entrissen. Sie schrie laut auf und wollte sie wieder an sich ziehen; er wehrte ihr. „Seien Sie doch unbesorgt, Fräulein, Ihr Eigenthum ist in meinen Händen sicher. Darf ich bitten, mir zu folgen —" Er schickte sich an, das Coupe zu verlassen; schwankenden Schrittes folgte Jakobine; die andern Damen lehnten sich mit Ostentation zurück, womöglich selbst eine Berührung ihres Kleides zu vermeiden. — Vor wenigen Stunden hatten sie mit fast neidischen Blicken ihre vornehme Eleganz bewundert, jetzt hielten sie sich überzeugt, in Gesellschaft einer Hochsiaplerin gereist zu sein. Der Blick des Commiffärs war schärfer, er nahm ihr Entsetzen noch nicht für den Beweis ihrer Schuld, hoffte in Wirklichkeit, daß nur ei« Jrrthum sie in diese unglückliche Lage gebracht. Er war ihr beim AuSsteigeu behilflich, dann bot er ihr den Arm. Sie nahm ihn an, sie war ja nicht im Stande, allein sich aufrecht zu erhalten. — Halb bewußtlos schwankte sie an seiner Seite. Der theilnehmende Mann hatte Mitleiden mit dem schönen, bebenden Mädchen, er that sein Möglichstes, ihr Muth zuzusprechen — sie erwiederte kein Wort, wie im Fieberfrost schlugen ihre Zähne aneinander. Sie traten in die hellerleuchtete Restauration, fast unwillkürlich zog das unglückliche Mädchen den Schleier vor ihr Angesicht. Der Commissär verlangte ein Separatzimmer und geleitete sie dorthin; er führte sie zum Kanapee und bat sie, sich dort niederzulassen. Kraftlos sank sie zurück. Er begab sich wieder zur Thür, drehte den Schlüssel um, dann trat er wieder zu ihr. „Darf ich um den Schlüssel von Ihrer Tasche bitten. Fräulein?" Sie starrte wie sinnlos zu ihm auf. „Warum? —" stammelte sie, „wozu —" „Um mich von -dem Inhalt derselben zu überzeugen", entgeguete er. Aber sie regte sich nicht, seinem Begehren zu entsprechen. Er wiederholte seine Bitte in höflichster Weise. „Ich will ganz offen gegen Sie sein, Fräulein, denn ich halte mich selbst beinahe überzeugt, daß nur ein höchst bedauerlicher Jrrthum mich in Ihre Gesellschaft geführt. Sie haben am ver stoffenen Nachmittage Schloß Waldenser verlassen. Unmittelbar nach Ihrer Abreise vermißte der Graf einige höchst werthvolle Effecten; er behauptete, daß kein Anderer als Sie dieselben an sich genommen habe» könnte, und eilte selbst zur Polizei, Ihre Arrettrung zu veranlassen. Ich ward beordert, mich Ihrer Person zu bemächtigen und Sie zurück zu führen. Es war nicht schwer, den Weg zu ermitteln, den Sie genommen; Ihre Persönlichkeit ist keine, die unter der Menge verschwindet. An der Billetausgabe erfuhren wir, daß Sie sich mit dem gemischten Zuge nach B. . begebeu wollten, ich eilte mit dem eben abgehendeu Postzuge Ihnen nach und traf noch vor Ihnen hier ein. — Da Graf Waldensee die Bermuthung ausgesprochen, daß die vermißten Effecten in Ihrer Handtasche sich befinden, muß ich mich von dem Inhalte derselben überzeugen. Enthalt sie, wie ich mit Sicherheit vermuthe, nur Ihre eigenen Habseligkeiten, so stelle ich sie Ihnen sofort zurück." Ein verächtliches Lächeln zuckte um ihre Lippen. „Graf Waldensee hält mich für eine Diebin?