Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1879)
- Date
- 1879-05-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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515 die Schloßtreppe hinab, und nun ginghastigen Schrittes weiter den Schloßberg hinunter. Sie wollte die nächste Eisenbahnstation erreichen, dreiviertel Stunden hatte ste zu Fuß zurüötzulegen — doch sie ging nicht, sie floh, ihre Füße schienen den Erdboden kaum zu berühren, denn beständig fürchtete fie, Waldenser werde ihre Flucht gewahren und ihr Nacheilen, um sie aufzuhalten. — Sie hatte keine Ahnung davon, daß er von seinem Fenster aus ihr nachschaute, soweit sein mit einem scharfen Perspectiv bewaffnetes Auge auf der einer graden Linie gleich sich dahinziehenden Landstraße es vermochte. Endlich hatte fie den Bahnhof erreicht und athmete erleichtert auf. Jetzt befand ste sich unter Leuten, jetzt wähnte sie sich gerettet. Denn selbst wenn der Graf sie verfolgen und einholen sollte, in Gegenwart Anderer würde er es nicht wagen, fie ernstlich zu belästigen. Nock wogte ihr Busen von dem raschen Lauf und trotz der strengen Kälte mußte sie die schweißbedeckte Stirn sich trocknen. Sie trat zum Schalter und verlangte, noch immer athemlos, ein Billet zweiter Classe nach B.... Der Beamte mußte sie zweimal nach ihrem Reiseziel fragen und hatte dabei Muße, der auffallend schönen Dame in das erregte Angesicht zu schauen. Sobald ste eine Karte erhalten, eilte sie ans den Perron und da der Train schon bereit stand, ließ sie sich das Darnen-Coupä anweisen. Gleich darauf ertönte das Pfeifen der Lokomotive, der Zug setzte sich in Bewegung und nun erst fühlte sie sich in voller Sicherheit. Sie legte den Hut ab, lockerte den Ueberwurf — die Mitreisenden, zwei ältere Damen und ein junges Mädchen betrachteten mit unverholener Bewunderung ihre elegante Erscheinung; sie aber lehnte, vollständig erschöpft, in die Ecke des Waggons und schloß die Augen. Ihre Tasche, die ihre ganze geringe Habe enthielt, hatte fie sorgfältig neben sich gegen die Wand gelehnt und ließ ihre Hand nicht davon , denn ohne dieselbe war sie vollständig mittellos. Jetzt erst begann sie zu überlegen, was sie in B.... beginnen wolle. — Sie hatte die Stadt genannt, weil es die nächst größere war und weil sie dort leichter als in einer kleineren einen Nahrungszweig finden zu können glaubte. Zwar war sie dort ganz fremd, aber auch das war ihr willkommen, denn da sie entschlossen war, fortan ihren eigenen Namen zu führen, so glaubte sie in ihrer frühern, fast ausschließlich adeligen Bekanntschaft keine Stütze mehr zu finden und wollte sie fortan meiden. Ihre Reisegefährten waren in heiterer Unterhaltung begriffen, das junge Mädchen nannte die eine Dame Mutter, die andere Tante — Jakobiue beneidete sie um ihrer Zusammengehörigkeit willen, sie fühlte sich so allein, so grenzenlos allein — hatte auf der ganzen weiten Erde nicht einen Menschen, an den ste sich wenden konnte. Zwar lebte auch ihr eine Mutter und Verwandte, aber sie hatte sie verlassen, hatte sich von ihnen losgesagt, konnte nimmer hoffen von ihnen anerkannt zu werden. Ehedem hatte sie sich zwar in den kindlichen Träumen gewiegt, als noble reiche Dame die arme dürftige Mutter aufzusuchen, für sie zu sorgen und sie zu pflegen und hatte nicht gezweifelt, daß die kränkliche Darbende der kindlichen Wohlthäterin die Treulosigkeit ihrer Jugend und ihren Abfall vom Glauben verzeihen werde. — Doch von dem Neudorfer Pfarrer hatte fie erfahren, daß ihre Mutter weder kränkelte noch darbte, daß sie im Gegentheil in verhältnißmäßig glänzender Lage sich befand, daß ein braver Gatte für sie sorge und frische blühende Kinder sie über die verlorene Tochter längst getröstet. — Die Nacht war längst hereingebrochen, das andere junge Mädchen hatte das Köpften an der Mutter Schulter gelehnt und war eingeschlummert, lächelnd winkte die eine Dame der andern uud deutete auf die jugendlich schone Schläfen» — was hätte Jakobine darum gegeben, hätte auch sie das Haupt und wär's auch nur auf einige Minuten, an der Mutter Busen lehnen können — Doch fort mit diesen Wünschen, die sie nimmer reallsiren konnte — sie durfte jetzt nicht träumen, sie mußte denken und handeln, der Ernst des Lebens war mit unerbittlicher Strenge an sie herangetreten. — Mit weit geöffneten Augen blickte sie hinaus auf die schneebedeckte Winterlandschaft, die der Glanz des Vollmondes in magischem Schimmer ihr zeigte — wie ein Funkenregen flog es unaufhörlich an den Fenstern vorüber. — Jakobine empfand nichts von dem Zauber der herrlichen Winternacht, sie ging mit sich zu Rathe, was sie nun gleich am kommenden Morgen beginnen wolle. — In einer kleinen Stunde hoffte sie das Ziel ihrer Reise erreicht zu haben; vorläufig beabsichtigte sie, sich in ein Hotel zu begeben, doch gleich am kommenden Tage wollte fie sich an die verschiedenen Stellenvermittlungs-Büreau's wenden, um baldmöglichst irgend einen Posten zu erlangen, sei es als Lehrerin. Erzieherin oder Gesellschafterin oder auch als Ladenmädchen, Bonne oder drgl. Sie wollte vorläufig nicht wählerisch sein. Sie war so versunken in ihren Plänen, daß