Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1879)
- Date
- 1879-05-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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510 Zum Schluffe erlaube wir noch die Bemerkung, daß der vom Gefertigten für die hiesige Jugend in's Leben gerufene und geleitete Bibel- und Religionsunterricht Anklana findet und gute Früchte zu tragen verspricht, vr. W. Stern. Rußland. Riga. Aus dem lievländischen Städtchen Trentelberg wird dem lettischen Blatt Rigas Lapa gemeldet, daß am Ostermontag unter^der in der dortigen Kirche zum Gottesdienste versammelten Menge plötzlich das Gerücht ausgesprengt wurde, daß die dortigen Juden ein Christcumädchen geraubt und dasselbe unter den schrecklichsten Martern ermordet haben. Das Volk stürzte sofort voll Wuth, ohne das Ende des Gottesdienstes abzuwarten, zur Thür der Kirche und begab sich massenmeise auf den angeblichen Thatort. Unterwegs bewaffnete sich die Masse mit Stöcken, Steinen, Dreschflegeln und Heugabeln. Vor dem Hanse des angeblichen Mörders angekommen, griff sie dasselbe an und dcmolirte es, wobei die jüdischen Einwohner desselben auf das gräßlichste mißhandelt worden sind. Auch die Synagoge siel den wüthenden abergläubischen Fatauikern zum Opfer, indem sie gänzlich ausgeplündert und niedergerissen wurde. Erst der herbeigeeilten (?) städtischen Polizei und dem Gendarmerie-Commando gelang es, weiteren Ausschreitungen Einhalt zu thun und die Ordnung herzustellen. Das Gerücht von dem angeblichen Mädchenmord erwies sich als gänzlich aus der Luft gegriffen,- es wurde von einem Gassenjungen „des Spaßes halber" in Umlauf gefetzt. Feuilleton. Kaböi Zoselmann von Kosheim. Eine historische Erzählung. XLIII. Während der zuletzt erzählten Begebenheiten hatte sich in Deutschland ein großes, weltgeschichtliches Ereigniß vorbereitet: die Reformation. Luther schlug im Jahre 1517 seine Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg, und im Anfänge war ganz Deutschland mit ihm einverstanden; man lechzte förmlich nach einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Selbst Kaiser Max begrüßte das Auftreten Luthers mit Freuden: „Wahrlich", sagte er, „seine kositioneg sind nicht zu verachten. Er wird ein Spiel mit den Pfaffen anfangen." — Von dem Ernst der Sache hatte der alte, kranke Kaiser keine Ahnung. Am l. August 1518 eröffnete er den Reichstag zu Augsburg. Er wollte auf demselben die Wahl seines Enkels zum römischen König betreiben; er hatte die Absicht, die Krone mederzulegen, und, da ihm die Aerzte Hoffnung gemacht hatten, daß er unter dem schönen Himmel Neapels wieder gesund werden könne, dahin zu übersiedeln. Auf diesem Reichstagewar es, daß Luther sich vor dem römischen Cardinal Cafetan rechtfertigen sollte; die Sache hatte aber keinen Erfolg; der Cardinal bestand auf einfachen Widerruf, den Luther verweigerte. Der kühne Reformator mußte heimlich aus Augsburg entfliehen. Ebensowenig Erfolg hatte des Kaisers Bemühung um die Wahl seines Enkels zum römischen König. Auch zum Kriege gegen die Türken waren die deutschen Reichsfürsten nicht zu bewegen. Das einzige Bemerkenswerthe, das dieser Reichstag brachte, ist, daß der Kaiser den Ritter Ulrich von Hutten mit dem Lorbeerkranze der Dichtkunst krönte. Im Oktober verließ der Kaiser Augsburg mit der Vorahnung des nahen Todes. Als er zur Rennsäule im Lechfelde kam, wandte er sich gegen die Stadt und sagte: „Nun gesegne dich Gott, du liebes Augsburg; habe wohl manchen guten Muth in dir gehabt; nun werden wir dich nimmer wieder sehen!" Er ritt über Füßen in sein Land Tirol, vorerst nach Ehrenberg, um sich hier an der Falkenbeize zu ergötzen. Von da zog er nach Innsbruck. Er führte eine verschlossene Lade mit sich, die er sich schon vor drei Jahren hatte machen lassen; darin war ein Sarg aufbewahrt sammt allem Todtengeräth. In Innsbruck wollten die Bürger seine Wagen und Pferde nicht unter Dach nehmen, weil durch Untreue seiner Hofdiener noch Schulden bei ihnen ausstanden. Als der Kaiser das am andern Morgen erfuhr, ärgerte er sich I gar sehr und erkrankte am Fieber. Dennoch setzte! er sich in der Januarkälte auf den Inn, um nach j Oberösterreich zu gehen, nach Wien. Unterwegs j zu Wels verstarb er, am 12. Januar 1519, in seinem einundsechszigsten Lebensjahre, j Die Trauerkunde flog durch ganz Deutschi land und erregte überall 'Trauer und Betrübniß. Maximilian war einer der besten Herrscher gewesen , und Deutschland hatte ihm viel zu verdanken. Das nachstehende, altdeutsche Lied, das! nach seinem Tode gedichtet wurde, gibt davon Kunde, wie das deutsche Volk über diesen Kaiser dachte: Maximilian der werde Held Römischer Kaiser ward erwählt, Bey seines Vatters Friderichs zeit, War willfarich dem Reich bereit.