Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-05-07 · Heft 19 (7.5.1879) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 19 (7.5.1879)
Date
1879-05-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447816--16154-2472129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

488 Jakobine", fuhr er bittend fort, „Sie bleiben im Schlosse?« „Bis ich eine paffende Stelle gefunden habe, wäre mir das allerdings sehr angenehm." „Zum Kukuk mit Ihren Stellen! wie oft soll ich'S Ihnen noch sagen, daß ich eS nun und nimmer dulde, daß Sie irgendwelche annehmen." „Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Graf —" „Sie brauchen mir nicht dankbar zu sein, nur schlagen Sie sich diese Schrullen aus dem Kopf." „Herr Graf! —" „Verzeihen Sie", bat er, sich mäßigend, „aber wenn Sie wüßten, wie wehe Sie mir mit Ihren Plänen thun." „Das thut mir von ganzem Herzen leid, aber —" „Kein aber, Jakobine, ich bitte Sie um Gotteswillen! Sie sind ja sonst so gut, so unaussprechlich gut — keiner Fliege könnten Sie wehe thun — und mich, den Sohn Ihrer mütterlichen Freundin, wollten Sie so bitter kränken? — Nicht wahr, Sie sehen ein, daß ich ein Recht habe, Ihnen zu zürnen?" Sie schüttelte schweigend das schöne Haupt. „Nicht? Sie wollen das nicht zugeben? — nun gleichviel, so geben Sie mir wenigstens Ihr Wort, daß Sie nicht mehr daran denken. Schloß Waldensee zu verlassen. Ich kehre morgen auf meinen Posten nach P.... zurück und spätestens übermorgen haben Sie eine achtbare Dame als Gesellschafterin. Also ich habe Ihr Wort." Jakobine vermochte jedoch nicht sobald zu einem Entschluffe zu gelangen, sie erbat sich Bedenkzeit. Nur ihrem Vorhaben, in der Wohnung des Schloßverwalters ihren vorläufigen Aufenthalt zu nehmen, entsagte sie auf des Grafen Bitte, da er ihr versprach, den Verwalter sofort zu veranlassen, seine Tochter zu ihr zu senden, der er ein Zimmer anstoßend an das ihre anweisen lassen werde. In dieser Beziehung hielt Waldensee Wort, noch in derselben Stunde führte er die Betreffende ihr zu. Marie Schäfer war ein junges lebhaftes Mädchen, das frisch und fröhlich in die Welt schaute, nicht übermäßig geistvoll, aber herzensgut. Graf Waldensee hielt sie jedoch geradezu^ für dumm und eben deßhalb erschien sie ihm vorläufig als die geeignetste Gesellschafterin für Jakobine. Was jedoch seine angeblich so nahe bevorstehende Abreise betraf, so verzögerte sich dieselbe unter den verschiedenartigsten Vorwänden von Tag zu Tag. Thatsache war, daß er sie von Anfang an nicht bestimmt hatte; er hatte nur Jakobine gegenüber davon gesprochen, um sie möglichst sicher zu machen; denn seine Leidenschaft für dareizende Mädchen steigerte sich von Tag zu Tag. Ob Jakobine seine Gefühle erwiederte? — oft glaubte er eS hoffen zu dürfen, er sah sie er» röthen, wenn er plötzlich zu ihr trat, fühlte ihre Hand erbeben, wenn er sie auf seinen Arm legte. Doch auch ihre Zurückhaltung gegen ihn steigerte sich von Tag zu Tag. Anfangs erschien ihm daS nur als ein Reizmehr, doch mit der Zeit ward eS ihm geradezu unerträglich — er war nicht mehr im Stande, sich zu beherrschen, er hatte stch's geschworen, sie zu erringen, gleichviel um welchen Preis. Seine Werbungen wurden immer offener, immer dringender und nahmen bald einen Charakter an, der das junge Mädchen das Aergste fürchten ließ. Sie befand sich in der peinlichsten Lage; ihre Annoncen waren erfolglos geblieben, und vergebend hatte sie gehofft, daß Graf Günther, seinem Worte entsprechend, im Sinne der Verstorbenen ihre Zukunft sichern werde. — Freilich wollte er sie sichern — doch nur in seinem Sinne. — Tausende wollte er ihr zu Füßen legen, nur sollte sie ihn erhören. Was sollte sie beginnen? — Sie hatte nicht einen einzigen Menschen — den« an utte die Frranve der verstorbenen Gräfin, obgleich sie sich auch ihr gegenüber stets freundlich gezeigt, wagte sie sich nicht zu wenden; sie kannten sie ja Alle als Fräulein von Thalheim, und glaubte sie nicht hoffen zu dürfen, daß sich diese Freundlichkeit auch auf Jakobine Grünfeld erstrecken werde. Sie hatte ihre Annoncen erneuert und in noch andere Blätter einrücken lassen, doch bisher gleichfalls ohne Resultat. Oder hatte Graf Waldensee vielleicht für sie bestimmte Anträge unterschlagen? — Wenn er nur auf seinen Posten hätte zurückkehren wollen — doch in jüngster Zeit sprach er nicht einmal mehr davon. Ihr einziger Trost war Marie Schäfer, die sie, wo möglich, auf keine Minute von sich ließ. Es war an einem frischen heitern Tage, blendend fielen die schrägen Strahlen der Sonne auf die prächtige weiße Schneehülle, in die der Winter die ganze Umgegend gehüllt. Jakobine stand am Fenster und blickte träumerisch hinaus in das glitzernde Gefilde. Da vernahm sie Schellengeläute, Graf Günther schritt die Schloßtreppe hinab und grüßte achtungsvoll zu ihr hinauf, dann setzte er sich in den Schlitten, der seiner harrte. Er hatte schon seit einigen Tagen von Geschäften gesprochen, die seinen mehrtägigen Aufent-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.