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Der Israelit · 1879-05-07 · Heft 19 (7.5.1879) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 19 (7.5.1879)
Date
1879-05-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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489 halt in der nächsten Stadt notwendig machten, hatte stch schon am Abend vorher von „seiner lieben Cousine" verabschiedet und Jakobine athmete ans bei den Gedanken an seine Abwesenheit; vielleicht würde eihr während derselben eher gelingen, eine Stelle zu erlangen. ' Me die Silberglöckchen so hell ertönten und die prächtigen Thiere wie im Fluge dahinrannten. — Unwillkürlich mußte sie ihrer ersten Schlittenfahrt gedenken — sie war ihr verhängnißvoll geworden ihre erste Schlittenfahrt — sie hatte sie geführt zu nie geahntem Glück und Freuden. — Glück? — Ihre Wohlthäterin schlief tief unten in der Gruft. Sie strich mit der Hand über die Stirn, für einige Tage wenigstens war dieses beängstigende Gefühl von ihr genommen, das ihr am Tage die Ruhe und in der Nacht den Schlummer raubte. Auch Marie freute sich der bevorstehende» Tage der Freiheit. Zwar liebte sie die sunge Dame, der sie Gesellschaft leisten sollte, von ganzem Herzen, aber sie war zur Hochzeitsfeier einer Freundin geladen und hatte bereits gefürchtet, dieser Einladung nicht entsprechen zu können, als Jakobine selbst sie aufforderte, derselben nachzukommen. Marie war überglücklich. Jakobine war ihr bei ihrer Toilette behülflich, schmückte das überglückliche Mädchen mit einigen Schmuckgegenständen , die sie selbst der Trauer wegen nicht trug und fteute sich an ihrer Freude. ES war in den Nachmittagstunden; Jakobine, die noch immer auf den Erfolg ihrer Annoncen hoffte, hatte stch mehr als je ernst bildender Lektüre zugewandt, um desto eher als Lehrerin oder Gouvernante ihren Platz ausfüllen zu können. Sie befand stch in der Bibliothek und hatte stch in Montesquieu'- herrliches Werk: „I/ogprit äes low" vertieft. Seit Wochen hatte sie sich nicht so ruhig, so frei gefühlt und überließ stch rückhaltlos dem innigen Behagen, das sie erfüllte. — Marie war mit ihren Eltern zu dem erwähnten Feste gefahren und sollte erst gegen Abend des folgenden Tages zurückkehren. Auch das war Jakobine willkommen, die rastlos plaudernde Gefährtin ward ihr zu Zeiten doch auch lästig. Wie lange sie gelesen hatte, sie wußte es selbst nicht, doch als sie, durch ein plötzliches Geräusch veranlaßt, von ihrem Buche aufsah, erblickte sie den Grafen, der ihr gegenüber am Fenster lehnte. Sie erkannte sofort, daß seine fingirte Abreise sie nur in Sorglosigkeit hatte einlullen sollen, und da- Entsetzen übermannte sie. Er sach sie erbleichen. „Jakobine!" rief er und stürzte auf sie zu.— Da aber schnellte sie empor und ehe er es ihr wehren konnte, entfloh sie wie ein gehetzte- Reh. Sie eilte in ihr Zimmer und schob den Riegel vor — und nun mit einem Mal war ihr Entschluß gefaßt. Sie erkannte es als Unmöglichkeit, länger im Schlöffe zu verweilen, auch in der Wohnung des Verwalters fühlte sie stch am heutigen Tage nicht sicher — sie mußte fort, fort — wohin? — dawar im Moment ihr gleich. Rasch raffte sie die kleine Baarschaft und die Kostbarkeiten, die sie der Güte der Verstorbenen verdankte, zusammen, barg Alles in einer ^uäßig großen Handtasche und ordnete eiligst ihre -etwas derangirte Toilette. Nur Hut und Mantelot/fehlte noch, beides befand sich in der ihrem Zimmer gegenüberliegenden Garderobe; — sie mußte hinüber — ohne Ueberwurf und Kopfbedeckung konnte sie das Schloß nicht verlaffeu. Sie eilte zur Thür uuo horchte — Alle^ *.<ar ruhig im Corridor. Leise schob sie nun den Riegel wieder zurück und blickte hinaus, nach jeoer Richtung hin — der Corridor war leer. — Entschlossen eilte sie hinüber. Kaum hatte sie jedoch ihr Zimmer verlaffen, als die Seitenthür desselben, die zu den Appartements der verstorbenen Gräfin führte, stch öffnete — Graf Günther trat herein. Er mußte wohl von dem anstoßenden Zimmer aus, vermutlich durch das Schlüsselloch, das junge Mädchen beobachtet haben; denn ihre Vorbereitungen zur Flucht, die er doch wahrnehmen mußte, schienen ihn keineswegs zu überraschen. Mit einem saradonischen Lächeln auf den Lippen, trat er zu der noch offen dastehenden Handtasche, schob hastig einige Etuis hinein, und zwar Möglichst tief hinunter, dann eilte er, geräuschlos wie er gekommen, wieder zurück. (Fortsetzung folgt.)

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