Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1879)
- Date
- 1879-04-30
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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468 „Sie machen mich ängstlich, Graf, was ist es, wodurch Sie mich zu erzürnen fürchten?" „Sie wissen, Frau Baronin, wie innig meine theure Mutter meine Cousine geliebt hat/' „Das wissen wir Alle", versetzte die Baronin, indem sie ihren Arm um die zarte Taille des jungen Mädchens legte, an dessen Seite sie sich niedergelassen „und habe es mir fest vorgenommen, liebes Fräulein, die theure Enschlafene, so viel es in meinen Kräften steht, Ihnen zu ersetzen." Um die Lippen des Grafen zuckte es. „Ich habe soeben", begann er von Neuem, „in den Papieren meiner seligen Mutter geblättert und ich gestehe, ich war nicht überrascht, als ich unter denselben ein offenes Schreiben fand. mit der Aufschrift: an meine liebe Jakobine. Der Inhalt desselben dürfte Ihnen, Frau Baronin, nicht ganz willkommen sein." „Warum vermuthen Sie das, Graf? Sie spannen mich auf die Folter mit diesen undeutlichen Andeutungen." Jakobine blickte unverwandt zu Boden, diese neue Unwahrheit in Betreff ihrer Person berührte sie peinlich. „Und was enthielt das Schreiben meiner entschlafenen Freundin?" drängte die Baronin, „sagen Sie es mir, liebes Fräulein", wandte sie sich an das junge Mädchen. Doch dieses war selbstverständlich nicht in der Lage, dieser Aufforderung zu entsprechen, Graf Günther aber theilte ihr mit, daß seine Mutter in dem erwähnten Schreiben seine Cousine dringend ersucht habe, während des Trauerjahres Schloß Waldensee nicht zu verlassen. „Ach", rief die Baronin bedauernd, „das iß wirklich Schade, aber es sieht der seligen Gräfin so ganz ähnlich, auch noch im Tode ihren Liebling in der Nähe haben zu wollen. Wenn Sie nur wüßten, liebes Fräulein, wie innig ich es bedaure, auf Ihre liebenswürdige Gesellschaft vorläufig verzichten zu müssen." Jakobine murmelte einige ihr selber unverständliche Worte. „Aber nach Ablauf des Trauerjahres müssen Sie sofort zu mir kommen, Fräulein von Thal- Heim, das betrachte ich als abgemacht. Nun, ich werde schon kommen und Sie holen. Aber, lieber Grafik wandte sie sich an Waldensee, „wenn Ihre Cousine dem Wunsche Ihrer verewigten Mutter entsprechend, auf Waldensee verweilen soll, so müssen Sie sich nach, einer geeigneten Gesellschafterin für sie umsehen. Allein mit dem Dienstpersonal im Schlosse das wäre für die Dauer doch nicht thunlich." „Freilich nicht", stimmte Günther bei, „auch ich habe bereits daran gedacht. Doch ich weiß eine recht achtbare Person, eine gewisse Frau Grünfeld; was meinen Sie, Frau Baronin, sollte ich diese vielleicht zu meiner Cousine kommen lassen?" „Ich kenne sie nicht", versetzte die Baronin achfelzuckend, „aber Grünfeld — Grünfeld — der Name hat einen eigenthümlichen Klang." „Es soll eine ganz ehrbare Frau sein", erwiederte Waldensee, „eine getaufte Jüdin." „Ah", rief die Baronin, „das hätte ich mir denken können, der Name klingt auch ganz jüdisch. Aber lieber guter Graf, ich bitte Sie um Gotteswillen, wie kann Ihnen nur eine derartige Idee kommen! — eine Jüdin wollten Sie Ihrer liebenswürdigen Cousine als Gesellschafterin geben?" „Sie ist getauft." „Ah bah, , das ist einerlei. Jud bleibt Jud.. Schöne Gesellschaft für ein Fräulein von Thalheim, eine getaufte Jüdin!" „Wie Sie sich ereifern, Frau Baronin" sprach, Waldensee lächelnd, „ich habe die Grünfeld ja noch nicht engagirt, und da Sie so sehr dagegen sind, soll es auch nicht geschehen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf." Jakobine befand sich in peinlichster Verlegenheit. Daß Graf Waldensee mit seiner Vermvthung in Betreff der Einladung der Baronin im Rechte war, das konnte sie wohl nicht bezweifeln, dennoch zürnte sie auch ihm. So lange die Baronin im Schlöffe weilte, suchte Günther keine Gelegenheit mehr, mit dem jungen Mädchen allein zu sein; als er jedoch am folgenden Tage mit ihr zusammen die alte Dame zu ihrem Wagen begleitet hatte und diese es ihm noch und abermals auf die Seele gebunden hatte, baldmöglichst für eine paffende Gesellschafterin zu sorgen und die beiden jungen Leute nun dastanden und dem davon rollenden Wagen nachschauten und die wiederholten Abschiedsgrüße der Baronin wiederholt erwiedert hatten, da trat er an sie heran, und mit herzlicher Vertraulichkeit zog er ihren Arm in den seinen. „Lassen Sie uns einen Spaziergang durch den Park machen;" bat er, „ich habe den Arbeitern dort einige Befehle zu ertheilen. Die Luft ist frisch und rein, sie wird Ihnen wohl thun." Schweigend folgte Jakobine seiner Einladung, schweigend schritten Beide den herlichen Anlagen zu, die das Schloß umgaben. Es war ein schöner, sonniger Morgen trotz der vorgerückten Jahreszeit. „Wie schön, wie wunderbar schön ist's hier", sprach Günther, indem er die Hand des jungen Mädchens drückte. „Im Frühling freilich und im Sommer, wenn die Vögel so süß zwitschern und