Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1879)
- Date
- 1879-04-30
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447815--16128-2472102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
467 umher, Schränke und Schubladen standen offen, das junge Mädchen war offenbar damit beschäftigt, Vorbereitungen zu ihrer auf morgen bestimmten Abreise zu treffen. Doch inmitten dieser Vorbereitungen hatte der Schmerz um ihren Verlust sie auf's Neue übermannt, sie lehnte im Fauteuil und hatte das bleiche zuckende Antlitz mit dem Tucke verhüllt. Sie war so versunken in trübes Sinnen, daß sie das Klopfen an ihre Thür überhört hatte, daß dieselbe geöffnet worden und daß der Schloßherr eingetreten war. — Langsam trat er näher zu dem schönen trauernden Mädchen. „Jakobine", sprach er mit leiser, bebender ^Stimme. Sie fuhr zusammen und blickte erschrocken auf. Er bot ihr die Hand; mit schmerzlichen Seufzer reichte sie ihm die ihre, die er sanft drückte. Dann setzte er sich, ohne eine Einladung dazu abzuwarten, ihr gegenüber. „Sie haben die theure Entschlafene sehr geliebt", begann er von Neuem. Die Lippen des jungen Mädchens bebten, aber sie bezwang sich. „Gräfin Waldensee war mir mehr als Mutter — ihr verdanke ich Alles —" 1 erwiederte sie leise. „Und dennoch", versetzte Günther, indem er auf die umher liegenden Effecten blickte, „dennoch können Sie daran denken, Schloß Waldensee, den letzten Ruheort ihrer mütterlichen Freundin, die Heimath, die die Entschlafene Ihnen bereitet, zu verlassen?" Jakobine zuckte trübe die Achseln. „Ich stehe allein in der Welt, mit der theuren Entschlafenen ist meine einzige Stütze zu Grabe getragen; hätte ich die freundliche Einladung der Baronin Weißenfels zurückweisen sollen?" „Und dennoch", versetzte der Graf nach kurzer Pause, „dennoch haben Sie nicht wohl gethan, sie anzunehmen — Jakobine —“ fuhr er leiser fort, indem er mit seinem Sessel etwas näher zu ihr rückte. „Sie wissen, daß ich es gut mit Ihnen meine, daß ich Ihr aufrichtiger Freund bin. Werden Sie mir nicht zürnen, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben möchte, die Ihr Gefühl vielleicht verletzt?" „Herr Graf! —" „Nein, schauen Sie mich nicht so erschrocken an, liebe Cousine, es ist ja nichts Arges. Aber nicht wahr. Sie erlauben, daß ich offen rede." „Ich bitte darum", flüsterte sie. Er zögerte noch einige Augenblicke, es schien ihm in Wirklichkeit schwer zu werden. „Nun denn", begann er endlich, „im Vertrauen auf Ihr Vertrauen zu mir, erlaube ich mir, j Sie aufmerksam zu machen, daß Sie, wenn Sie j der Einladung der Baronin Folge leisten, sich i ernsten Unannehmlichkeiten aussetzen."! „Unannehmlichkeiten, Herr Graf? in welcher! Beziehung fürchten Sie das?" j Abermals zögerte er. „Frau von Weißenfels! hat mich versichert, daß sie sich glücklich schätzen werde, meiner liebenswürdigen Cousine, dem Fräu-! lein von Thalheim ein Asyl zu gewähren."! Es lag eine eigentümliche Betonung in die- I sen Worten, Jakobinens Wangen überzogen sich für einen Moment mit glühendem Roth. | „Ich glaube, Sie zu verstehen, Herr Graf, j und bin Ihnen in Wirklichkeit dankbar. Ich werde das Asyl, das die Frau Baronin so freundlich ist, mir anzubieten, nicht unter falschem Namen be-; treten; noch heute werde ich sie mit meinen Verhältnissen bekannt machen." Graf Waldensee schüttelte mißbilligend das Haupt. „Verzeihen Sie, liebe Cousine, auch darin kann ich Ihnen nicht beistimmen. Warum wollten Sie sich unnützerweise einer sichern Beschämung aussetzen?" „Einer Beschämung?" rief das junge Mädchen auf's Neue erglühend. „Liebe, gute Jakobine, Sie haben mich um Offenheit gebeten, also dürfen Sie mir deßhalb nicht zürnen. Allerdings würden Sie sich einer Beschämung aussetzen, wenn Sie der Gräfin mittheilen wollten, daß Sie weder als Adelige noch als Christin geboren sind. Denn ich bin überzeugt, sie würde sofort Ihre Einladung zurücknehmen." „Glauben Sie?" flüsterte Jakobine gepreßt, „ich bin dennoch entschlossen ihr Alles mitzutheilen — ich halte mich dazu verpflichtet." „Thun Sie es nicht", bat Waldensee, „überlassen Sie es mir, die Sache zu ordnen. — Ah sich da Frau Baronin!" er stand auf und bot der eben Eintretenden die Hand. „Sie sind schon zurück von Ihren Besuchen?" „Wie Sie sehen, lieber Graf. Nun liebes Fräulein — wandte sic sich an Jakobine — „wie geht es Ihnen? sind Sie bald fertig mit dem Packen?" „Ick habe meine Cousine gestört, Frau Baronin", siel Günther ein. „Das war sehr, sehr unrecht von Ihnen, Graf, und wenn ich am heutigen Tage nicht aufrichtiges Mitleid mit Ihnen hätte, so würde ich Ihnen ernstlich zürnen." „Ich fürchte, Sie werden mir noch mehr zürnen, wenn ich Ihnen miitheile, was ich meiner Cousine soeben mitgetheilt." Beide Damen blickten erstaunt zu ihm auf.